Archiv für Juni 2011

Belarus auf der Biennale in Venedig II

Am 25. Juni findet um 16.00 Uhr in der Galerie NOVA eine Veranstaltung mit Pawel Wojnizki, einem Mitarbeiter des Kurators des belarussischen Pavillons auf der 54. Biennale in Venedig zum Thema „Fotografie im Kontext der zeitgenössischen Kunst“ statt.

Adresse: Galerie NOVA, Ul. Kulman 2, Raum 421 (4. Etage)

22. Juni 2011 – 70. Jahrestag des Überfalls des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion

„Achtung – es spricht Moskau.“ So begann die Mitteilung des offiziellen sowjetischen Rundfunks am 22. Juni 1941 zum deutschen Angriff – heute zu hören auf der Homepage der Festung Brest, dem Ort, an dem die Deutschen die Grenze überschritten. Noch immer läuft einem dabei ein Schauer über den Rücken.

In diesen Tagen finden allerorts Veranstaltungen anlässlich des Jahrestages, des „Gedenktages der Opfer des Großen Vaterländischen Krieges“ statt. Dabei fällt auf, dass es sich überwiegend um wissenschaftliche Konferenzen und Vorträge handelt, wie z.B. in der Gedenkstätte der Festung Brest oder in der Geschichtswerkstatt. Angebote für eine breite Öffentlichkeit gibt es, sieht man von den offiziell inszenierten Gedenkfeieren in vielen Städten ab, kaum.  Auch das Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges zeigt keine Sonderausstellung.

In Minsk war allein eine Schweigeminute für den 22.6. um 18.00 Uhr auf dem Freiheitsplatz angekündigt, übrigens zum ersten Mal, wie ich vielfach gehört habe. Wie befürchtet, diente diese Veranstaltung auch der Besetzung des Platztes, auf dem sich in letzter Zeit Mittwochs abend Kritiker der Reigierung versammeln, und wo für gestern über die sozialen Netzwerke eine Demonstration angekündigt war.

Deutlich präsenter im Stadtbild ist der bevorstehende 3. Juli, der Tag der Unabhängigkeit, der selbst auf ein historisches Datum im Großen Vaterländischen Krieg zurückgeht: den 3. Juli 1944, die Befreiung von Minsk. Auch im „Park des Sieges“, am Komsomolzen-See, sind die Plakate zu sehen. Es ist dies der Ort, an dem am 22. Juni 1941 die Minsker vom Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion erfuhren, als der Park, damals noch unter anderem Namen, öffentlich eingeweiht wurde.

Der Minsker Brüderfriedhof – Der Große Krieg oder der Erste Weltkrieg III

Die Baustelle im Mai 2011.

Noch zu Beginn des Jahres war es eine unscheinbare Grünfläche, deren Bezug zum Ersten Weltkrieg man nur über eine ebenso unscheinbare Tafel an den beiden Seiteneingängen entnehmen konnte. Nun entsteht dort eine „Memorialkomposition“, der der Abbildung auf dem Bauschild zufolge eine Neugestaltung des Parks sowie den Bau einer Kapelle umfasst. Die Arbeiten gehen zügig voran, so dass das Ganze wohl noch vor 2014 fertig wird. Dies wiederum würde zu dem allseits erwachenden Interesse am Ersten Weltkrieg passen, das hier, wie übrigens auch in Russland, zu beobachten ist.

Die Rede ist von dem „Minsker Brüderfriedhof“, einem Ort an der Červjakov-Straße in der Nähe des Komsomolzen-Sees nördlich vom Stadtzentrum Minsk. Hier wurden beim Bau des Fundaments für die Kapelle menschliche Überreste gefunden. Dabei handelt es sich um Soldaten der russischen Armee, die hier 1915 beerdigt worden waren, nachdem sie in Minsker Krankenhäusern in Folge ihrer Kriegsverletzungen gestorben waren. Diese Erkenntnis haben die Angehörigen des Suchbataillons der Belarussischen Streitkräfte aus weiteren Funden, wie medizinischem Gerät, abgeleitet, wie ein Artikel der Belarussischen Militärzeitung vom 11.3.2011 berichtet.

Neben einem Rückblick auf die Ereignisse des Krieges empört sich der Autor, dass sich lange Jahre niemand für dieses Thema interessiert habe. Nur so habe es passieren können, dass auf Teilen des ursprünglich viel größeren Friedhofsgeländes, auf dem Orthodoxe, Juden, Katholiken und Moslems getrennt beerdigt worden waren, heute mehrstöckige Wohnhäuser stehen. In der Tat spielt der Erste Weltkrieg in Belarus, wie in Russland und zuvor in der Sowjetunion, kaum eine Rolle im offiziellen Gedächtnis. Seit einigen Jahren jedoch gibt es immer mehr Historiker und Museen, die sich dieser Epoche in Studien oder Ausstellungen widmen. Das heutige Gebiet von Belarus war auch in diesem Krieg ein zentraler Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. In dem Bemühen, nationale Traditionen und Anknüpfungspunkte für die nationale Identität zu finden, liegt es nahe, auch diese historische Periode zu erforschen. In diesem Sinne ist es konsequent, dass an der Kapelle eine Liste mit den Namen aller hier Beerdigten angebracht werden soll, eine aufwendige Umbettung der Überreste geplant ist sowie eine Beerdigung mit allen militärischen Ehren.

Foto: http://zapadrus.su/zaprus/istbl/295--1914-18-.html

2003/2004 konnten im Rahmen eines Forschungsprojektes nähere Informationen zu dem am 29. November 1914 angelegten Friedhof und den Toten gefunden werden. Das Hauptinteresse lag auf der Erstellung einer Namensliste sowie der Rekonstruktion von möglichst vielen biographischen Details der ursprünglich ca. 5.000 Toten dieses Friedhofs. Über die Ergebnisse berichtet Andrej Karkotko, ein Historiker des Suchbataillons in der Belarussischen Militärzeitung vom 24.3.2011 und auf den Seiten von Zapadnaja Rus vom 17.3.2011, wo sich auch eine Liste der hier beerdigten Soldaten findet.

Ein Übersichtsplan findet sich hier.

Ein Urwald mitten in Europa

Als ich neulich in der Zeitschrift „Kulturaustausch“ über die Bedeutung des Bisons in Belarus las, habe ich sofort bedauert, dass ich es in fast neun Monaten noch nicht geschafft habe, hier in Belarus eines dieser Urviecher mit eigenen Augen und nicht im Zoo zu sehen. Zuletzt habe ich eines im Heimattiergarten [sic!] in Fürstenwalde gesehen. Oder waren das Wisente? Nicht, dass das wirklich wichtig wäre, aber die Tiere tauchen mit großer Regelmäßigkeit und Prominenz in der belarussischen Tourismuswerbung auf. Da wäre es doch interessant zu wissen, ob nun Bisons oder Wisente gemeint sind, oder nicht?

Ein guter Anfang scheint mir die beliebte Wodkamarke „Zubrovka“ zu sein. Sie bildet einen grimmig dreinschauenden Bullen dieser Rasse ab. Ich folge dieser Spur und lerne als erstes, dass es sich bei Zubrovka um eine Grassorte handelt, jedenfalls im russischen Wörterbuch. Im weißrussischen Pendant ist davon nur noch das daraus gebraute alkoholische Getränk übrig. Soweit so gut. Weitere ethymologische Nachforschungen bringen mich zum Zubr– russisch und weißrussisch (!) für Wisent. (Der russische Zubr ist zugleich ein Erzreaktionär, aber das ist sicher eine andere Geschichte.) Mit dem Bison ist es einfacher, es ist sowohl in Russland als auch in Belarus ein Bison. Und genau davon schreibt in der erwähnten Zeitschrift der weißrussische Journalist Anton Trafimowitsch und der muss es doch wissen. Also noch mal von vorne.

Wer in Weißrussland eines dieser riesigen Tiere zu Gesicht bekommen will, womit wir wieder bei der Tourismuswerbung wären, fährt in Richtung polnischer Grenze. Dort befindet sich der einzige Urwald in Europa, der Białowieża-Nationalpark – natürlich unter UNESCO-Naturerbeschutz. Das 150.000 ha große Gelände gehört zu Polen und zu Belarus und bietet eine schier unglaubliche Fülle von Flora und Fauna. Dazu gehören auch – Wisente. Ihr zoologischer Name lautet Bison bonasus, womit wir der Verwirrung schon näher kommen. Unglücklicherweise stoße ich gerade hier (und nur hier) auch auf Zubrons (immerhin bringt mich das wieder zu dem Wodka zurück), bei denen es sich offenbar um eine Kreuzung zwischen Rind und Wisent handelt. Erwartungsgemäß wenig zur Klärung tragen diverse Seiten über den Jagdtourismus in Belarus bei. Den Nutzern dieser Informationen scheint es egal zu sein, ob sie Wisente, Bisons oder Zubrons erlegen. Zubrovka wird jedenfalls genug dabei fließen.

Das belarussische Internetportal www.zubr.com weiß zwar gar nichts über seinen Namensgeber zu berichten, bestätigt aber immerhin die offenbar nationale Bedeutung, die das Tier für Weißrussland hat. Eine wahrlich diplomatische Lösung bieten schließlich die englischsprachigen Websites, die vom „European bison“ sprechen, womit wieder einmal zweifelsfrei erwiesen wäre, dass Belarus mitten in Europa liegt, was wir ja von Polen schon lange wissen.

Belarus auf der 54. Biennale in Venedig I

Erstmals wieder seit 2005 ist Belarus mit einem eigenen Pavillon in Venedig präsent. Auf 170 m² vertreten die Künstler Yury Alisevich, Artur Klinau, Kanstantsin Kastsiuchenka, Viktar Piatrou und Dzianis Skvartsou ihr Land mit dem Projekt „Kodex“, einer künstlerischen Interpretation von Textdesign. Es ist geplant, einige der Arbeiten im Dezember in Minsk im Museum für zeitgenössische Kunst auszustellen.

Die Teilnahme in diesem Jahr geht auf eine Entscheidung „von ganz oben“ zurück und wird vom Kulturministerium finanziert. Außerdem beteiligt sind das Museum für zeitgenössische Kunst, die Kunstakademie und die Botschaften Italiens in Belarus und von Belarus in Italien. 2009 hatte es die staatliche Kulturförderung, die die zeitgenössische Kunst ohnehin kaum bis gar nicht einschließt, „versäumt“, Belarus auf der Biennale zu präsentieren. Daraufhin initiierten 30 Künstler ein Projekt: Den Weißrussischen Pavillon auf der 53. Biennale in Venedig – in Minsk. Die Ausstellung, die im Juni 2009 im Ausstellungszentrum BelExpo eröffnet wurde, erregte viel Aufmerksamkeit und unterstrich den Vorwurf der Künstler, seitens der staatlichen Stellen werde im Ausland der Eindruck vermittelt, in Belarus mangele es an Gegenwartskunst auf internationalem Niveau – was insofern stimmt, als Künstler hier unter erschwerten Bedingungen kaum Chancen haben, sich international zu entwickeln.

Offenbar aber wollte Belarus diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen und schickte nun fünf Vertreter der zeitgenössischen Kunst nach Italien. In der Berichterstattung über die Biennale ist Belarus bisher nicht aufgetaucht, was angesichts der schwierigen Situation, in der sich viele der Künstler im eigenen Land befinden, bedauerlich ist. Umso mehr Aufmerksamkeit sei dem Pavillon in Venedig und damit auch Belarus selbst beschieden!

Einen virtuellen Rundgang durch den Pavillon bietet ein Video auf youtube. Weitere Informationen zu zeitgenössischen Künstlern findet man bei der amerikanischen (!) Galerie BellaBelarus.

Die Kunstgalerie „L. Schtschemelew“

Ein Blick in die Dauerausstellung.

Etwas abseits der touristischen Route befindet sich eine Ausstellung mit Werken des belarussischen Malers Leonid Schtschemelew (*1923). Zu seinem 80. Geburtstag spendete er 2003 der Stadt einen Teil seiner Werke. Die Stadt eröffnete daraufhin die erste städtische Galerie in Minsk.

Neben der Dauerausstellung, die einen größeren Saal umfasst, veranstaltet die Galerie regelmäßig Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstler und kulturelle Veranstaltungen. Werke von Schtschemelew befinden sich auch in der Tretjakov-Galerie in Moskau, im Nationalen Kunstmuseum sowie verschiedenen Privatsammlungen. Leiterin der Galerie ist die eine der wenigen Kunstkritikerinnen in Belarus, Tatjana Bembel, die Enkelin des Bildhauers Andrej Bembel.

Biographische Informationen und einige Abbildungen seiner Werke auf der Website des Museums für zeitgenössische Kunst in Jersey City, New Jersey http://www.museum-rus.org/biography.htm?UrlRid=551
sowie unter http://minsk.gov.by/ru/org/3204/

Museumskonferenz für den russischsprachigen Raum

Vom 10. bis 14. Mai fand in Minsk mit Unterstützung durch die Kulturministerien Russlands und Belarus’ die jährliche ADIT-Konferenz statt. ADIT ist eine russische, nichtkommerzielle Vereinigung (die Abkürzung steht für „Automatisierung von Museumsaufgaben und Informationstechnologie), die sich der Vernetzung und Kommunikation in Museen widmet. 1996 gegründet, ist sie aus der Tätigkeit des ICOM-Sonderkomitees CIDOC (International Committee for Documentation) als russischsprachiges Nationalkomitee hervorgegangen. ADIT veranstaltet jährliche Konferenzen, die bisher immer in Russland, 2011 erstmals in einem der Nachbarländer stattgefunden haben, gibt Bücher und Internetpublikationen zu verschiedenen Aspekten der Informationstechnologie in Museen heraus und veranstaltet Fortbildungsseminare.

Die diesjährige Konferenz war keinem speziellen Thema gewidmet, hatte aber aufgrund des Veranstaltungsortes einen Schwerpunkt auf den Museen in Minsk und Belarus. Neben zahlreichen, leider meist sehr kurzen, schlecht moderierten Vorträgen, die unmittelbar aufeinander folgten und kaum Raum für eine Diskussion ließen, gab es eine Präsentation von

Internet- und Multimedia-Präsentationen verschiedener Museen in der Nationalbibliothek. Themenschwerpunkte der Beiträge waren die Vernetzung von Museen, Bibliotheken und Archiven, multimediale Anwendungen in Ausstellungen, computergestützte Verwaltungssysteme und die Arbeit mit Kindern im Museum.

Ein weiterer zentraler Programmpunkt waren die Workshops für Anfänger und Fortgeschrittene zu dem Informationssystem KAMIS. Dabei handelt es sich um eine Museumssoftware einer Petersburger Firma für alle Arbeitsbereiche von Sammlung über Verwaltung, Leihverkehr und Restaurierung, das in vielen russischsprachigen Museen im Einsatz ist, bei weitem aber nicht das einzige Programm für diese Zwecke ist.

Insgesamt war die dreitägige Konferenz eine ideale Plattform für die Vernetzung der russischsprachigen Museumsszene und einen Einblick in die aktuellen Themen und Tendenzen der Region. Wer in diesem Feld auf dem Laufenden bleiben will, dem sei eine Teilnahme im kommenden Jahr empfohlen. Die Thesen der Vorträge sind in einer Broschüre bereits zur Konferenz erschienen (ISBN 978-985-459-210-7), die Konferenzberichte sind in Kürze auf der Website von ADIT zu finden.

Ein Museum für Valentin Vankovič

Etwas zurückgesetzt an einer Straße mitten im Zentrum hinter dem Kulturpalast liegt das Memorialmuseum für Valentin Vankovič. Dieser Museumstyp war schon zu Sowjetzeiten sehr verbreitet und findet sich heute noch häufig in Russland, Belarus und der Ukraine. Gemeint ist ein, meist kleines Museum oder einige Räumlichkeiten in einem Gebäude, die biographisch mit einem Künstler, Literaten oder Musiker verbunden sind und eher Andenken und Verehrung, als Dokumentation und wissenschaftlicher Aufarbeitung gewidmet sind. Ihren ganz besonderen Reiz beziehen diese Museen für mich daraus, dass meist mehrere ältere Damen ein strenges Regime führen, auf das Wohlverhalten in den Ausstellungsräumen achten und den wenigen Besuchern persönlich Anekdoten aus dem Leben des Künstlers und rund um die als Ikonen erehrten Objekte erzählen.

So ist es auch im Falle des Museums für diesen, wie ich im Museum erfahre, berühmten Vertreter der weißrussischen Romantik. Vankovič lebte von 1800-1842, verbrachte aber nur wenige Jahre in seiner Heimat, in Minsk. In diesen Jahren befand sich eine seiner Werkstätten in diesem Haus seines Cousins. Die ersten beiden Säle zeigen Dokumente und Gemälde zu Leben und Werk des Malers, dessen Portraits von u.a. von A. Puschkin P. Vjazemskij und A. Mickewicz in Museen in Polen, Litauen, Frankreich, Italien und Russland hängen. Dagegen findet sich kein einziges Original in Belarus, wo er indes als nationaler Künstler reklamiert wird. Aus polnischer Perspektive freilich ist das ebenso.

Die folgenden drei Säle zeigen (meist Kopien) von Portraits bekannter und weniger bekannter Zeitgenossen, kombiniert mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus der Zeit Ende des 18./ Anfang 19. Jahrhunderts. Hier vermittelt sich die Atmosphäre eines städtisch-adeligen Lebens in Minsk zu dieser Zeit.  Passend zu diesem Rahmen veranstaltet das Museum regelmäßig Konzerte auf dem hauseigenen Flügel, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Das Museum befindet sich in der Internationalnaja Straße 33a und ist eine Filiale des Nationalen Kunstmuseums, wo man auch weitere Informationen erhält.