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Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Bayerische_Staatsbibliothek#/media/File:Treppenhaus_BSB.jpg
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(Museums-)Streifzüge – Folge 17: Die Bayerische Staatsbibliothek München

vom 28.10.2016 12:28:52

Natürlich gibt es 1.000 Gründe, in der Bayerischen Staatsbibliothek zu recherchieren, gerade und insbesondere, wenn man mit Osteuropa zu tun hat. Gibt es doch dort einer der besten Sammlungen zu dieser Region in Deutschland – neben der Stabi in Berlin, versteht sich. Mich hatte dieses Mal die Suche nach sog. russischen und sowjetischen Künstlerbüchern nach München verschlagen. Von dieser außergewöhnlichen Objektgattung hat die Bibliothek eine herausragende Sammlung mit vielen Exemplaren, die sonst nur in der British Library oder dem MOMA zu finden sind. Anders als die Stabi sind hier die meisten Bände lose archiviert, also nicht in einen Schutzumschlag eingebunden – ideal für eine Ausstellung.

Und so bin ich auch fündig geworden und ganz begeisterst von den kleinen Broschüren, an denen in Zeiten des künstlerischen Aufbruchs in Russland vor und auch nach 1917 so viele berühmte Künstler zusammen gearbeitet haben: Schriftsteller wie Majakovskij, Kruchenych oder Chelbnikov lieferten die Texte, Malevich, Rozanova, Filonov oder Lissitzky die Grafik. Die einen wie die anderen erprobten Schrift- und Textformen, Zeichnungen oder Drucktechniken. Herausgekommen sind einzigartige bibliophile Experimente als eines von vielen Beispielen für das so vielfältige und vor allem spartenübergreifende Laboratorium der russischen Avantgardekunst. Die Herausforderung ist auch hier wieder, eine Auswahl für die Ausstellung zu treffen – und dabei schon jetzt ein Konzept für die nächste Ausstellung zu russischen Künstlerbüchern zu machen.

Foto: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/54841257
Foto: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/54841257

(Museums-)Streifzüge – Folge 16: Auf den Spuren Lenins durch Deutschland

vom 27.09.2016 14:21:09

Es erstaunt mich immer wieder, wenn die russischen Kollegen mich ganz aufgeregt fragen, ob wir denn auch Dokumente zur Reise Lenins von Zürich nach Petrograd durch Deutschland in unserer Ausstellung zeigen werden. Die Reise selbst sei ja unbestritten, aber dass er und die Bolschewiki auch wirklich Geld von der Reichsregierung bekommen habe, noch nicht ausgemacht.

Was hierzulange (und allen russischen Historikern, die es wissen wollen) längst bekannt ist, stößt mancherorts in Russland noch auf Erstaunen und Verwunderung. Kann es denn sein, dass Lenin – auch angesichts der heute umstrittenen Oktoberumsturz bleibt er schließlich irgendwie ein nationaler Held – die Revolution nicht aus eigener Kraft gestemmt hat und am Ende auch noch ein deutscher Spion war?

Dass er letzteres sicher nicht war, ist sicher, aber auch, dass ihm die Hilfe des Deutschen Reiches gelegen kam. Wie wäre er sonst so schnell nach der Februarrevolution zurück nach Russland gekommen?

All das geben die Dokumente, die sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes befinden, her. Viele sind schon publiziert, andere fügen mehr oder wenige interessante und pikante Details hinzu. Einige davon wollen wir tatsächlich in der Ausstellung zeigen, und nach ihnen habe ich in den letzten Wochen im Archiv gesucht. War es schon damals ein bürokratischer Akt, die russischen Revolutionäre von Zürich durch Deutschland und Schweden, entlang der finnischen Grenze in die russische Hauptstadt zu befördern, so ist es die Arbeit im Archiv heute auch: Akten wälzen, Mikrofiches studieren, altdeutsche Dokumente entziffern etc. Ohne die sehr konstruktive Unterstützung der Archivmitarbeiter würde es vermutlich genauso lange dauern, wie die Reise selbst. Bürokratische Störungen der Arbeit gibt es heute wie damals  Unterbrechungen der Reise: Wegen einer Feuerübung mussten wir unsere Forschungen für einige Zeit unterbrechen und das Gebäude verlassen.

Apropos Reise: Auf Lenins Spuren reiste kürzlich die britische Historikerin und Publizistin Catherine Merridale, die darüber ein Buch geschrieben hat, das im Oktober erscheinen wird: „Lenin on the train“.

Foto: http://www.deutschestheatermuseum.de/
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http://www.deutschestheatermuseum.de/

Museumsstreifzüge – Folge 15: Das Theatermuseum in München

vom 16.09.2016 15:15:25

Kürzlich führten mich meine Recherchen in dieses eine von nur vier Theatermuseen in Deutschland. Ich war auf der Suche nach Exponaten zu den Balletts Russes, von denen das Museum einige zu bieten hat, darunter Bühnenbild- und Kostümentwürfe von N. Gontscharowa, M. Larionow, A. Ekster oder L. Bakst. Hinzu kommen Fotos der Tänzer wie V. Nijinsky und sowie A. Pawlowa und von Inszenierungen des Moskauer Künstlertheaters von A. Tairow, V. Sternberg u.a. aus den 20er Jahren. Nicht zu vergessen ist die exklusive Fachbibliothek.

Das 1910 eröffnete Haus verfügt über eine große Sammlung zur gesamtdeutschen Theatergeschichte, darunter viele Künstlernachlässe. Nur schade, dass es keine Dauerausstellung gibt, die davon erzählt. Vielmehr greift das Museum immer neue Themen in wechselnden Sonderausstellungen auf.

 

Foto: http://museums.by/fotoreportazhi/gosudarstvennyj-muzej-voennoj-istorii.html
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http://museums.by/fotoreportazhi/gosudarstvennyj-muzej-voennoj-istorii.html

Museumsstreifzüge – Folge 14: Das Armeemuseum der Republik Belarus

vom 06.09.2016 15:13:26

Nein, es ist nicht das Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges. Das habe ich zunächst auch gedacht und war überrascht, dass es in Belarus neben diesem übermächtigen Museum noch ein weiteres zur Militärgeschichte des Landes geben kann. In der Tat ist es auch fast unbekannt und zudem weit abgelegen in einer früher geschlossenen Militärsiedlung. Aber es ist doch immer wieder erstaunlich, was es gerade in diesen unscheinbaren und meist etwas verstaubten Museen des postsowjetischen Raums zu entdecken gibt.

Damit meine ich nicht die vermeintlichen Highlights, die sich nur allzu oft als Kopien herausstellen, wie z.B. die Fahne einer Einheit der Roten Armee aus Belarus, die bei Kriegsende auf dem Reichstag geweht haben soll. Oder der von mir lange gesuchte Mantel einer Uniform der Roten Armee aus den ersten Jahren. Nein, interessant sind meistens die weniger spektakulären Exponate, wie persönliche Erinnerungen, die die Menschen aus der Umgebung dem Museum schenken, oder auch der konzeptionelle Zugang. So sucht man in Belarus eine kritische Auseinandersetzung mit Tschernobyl vielerorts vergeblich. Hier gibt es eine gar nicht so kleine Abteilung dazu, mit vielen persönliche Schicksalen und einer erstaunlich offenen Beschreibung der Arbeit der Liquidatoren.

Verschlagen hat es mich hierher überhaupt nur, weil mein langjähriger Museumkollege, Sergej Azaronok, die Leitung des Hauses übernommen hat. Das mag zunächst verwundern, war der doch bis 2015 Direktor des Museums für die Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs in Minsk. Kurz vor dessen Wiedereröffnung wurde er – aus von außen undurchsichtigen politischen Gründen – entlassen. Als Oberst a.D., der zudem bei der langjährigen Vorbereitung der neuen Dauerausstellung im Parademuseum der Republik seine Leidenschaft für das Museumswesen entdeckt hat, war er die ideale Besetzung für das 2002 in Zuständigkeit des Verteidigungsministeriums gegründeten Museums. Ein Abstieg ist das nach belarussischen Vorstellungen keineswegs, zumal die Methoden der Stellenbesetzung und –entlassung sehr viel durchlässiger sind, als bei uns. Jedenfalls ist er voller Elan und will das Museum auf Vordermann bringen. Geld dafür hat er keins, aber wenn es danach ginge, dann gäbe es die meisten Museen in Belarus schon gar nicht mehr. Es bleibt also spannend, was er daraus macht und wenn Sie mal in Minsk sind, dann machen Sie sich die Mühe, von den üblichen Museumspfade abzuweichen – die Entdeckung ist es wert!

Hier eine Website zu dem Museum mit vielen Fotos.

Ausstellung „Reflecting Fashion“ im mumok Wien, 2012 http://www.onthesubjectof.de/2012/06/reflecting-fashion-im-wiener-mumok.html
Ausstellung „Reflecting Fashion“ im mumok Wien, 2012
http://www.onthesubjectof.de/2012/06/reflecting-fashion-im-wiener-mumok.html

Museumsstreifzüge – Folge 13: Konstruktivistische Mode

vom 26.08.2016 12:14:39

Auf der Suche nach einem „konstruktivistischen Kleidungsstück“, habe ich so allerlei neue Entdeckungen gemacht. Gesucht wird ein nach Entwürfen von Ljubov Popova, Aleksandra Ekster oder Natalja Lomanova genähtes Kleid, Kostüm oder Sportanzug für die Revolutionsausstellung. Außer ins Russische Museum in Petersburg haben mich meine Recherchen in die Sammlung „Theaterkunst“ in Berlin geführt – ein sehr eindrucksvoller Ort mit einem Fundus von gefühlt tausenden Kostümen für Film, Fernsehen und eben auch Museen. Was es nicht gibt, kann genäht werden, nach historischen Vorbildern, mit ebensolchen Stoffen. Diese Möglichkeit haben wir auch bei Berliner Kunst- und Modefachschulen eruiert – unserer Ansicht nach ein spannendes Vorhaben beim Studium der Modegeschichte. Bereits fertige Kleider sind in der Berliner Privatsammlung Hoffmann zu finden. Von dort stammen auch die Exemplare, die 2012 in Wien und früher schon mal in Köln ausgestellt waren. Die Sammlung kann in geführten Rundgängen erkundet werden.

Was davon am Ende in unserer Ausstellung zu sehen sein wird, wird natürlich nicht verraten. Aber ich kann schon jetzt gar nicht verstehen, warum es nicht viel mehr Ausstellungen zu „Revolution und Mode gibt“.

Foto: Modell eines Bühnenbildes zu "Der Mann, der Donnerstag war" in Moskau um 1923 http://www.universitaetssammlungen.de/sammlung/291
Foto: Modell eines Bühnenbildes zu „Der Mann, der Donnerstag war“ in Moskau um 1923
http://www.universitaetssammlungen.de/sammlung/291

Museumsstreifzüge – Folge 12: Die Theatersammlung der Universität Köln

vom 16.08.2016 05:08:34

Neulich führte mich meine Objektrecherche für die Revolutionsausstellung in heimatliche Gefilde. Nicht mehr als 20 Minuten Orten meiner Kindheit und Jugend befindet sich das Schloss Wahn – ein idyllisch gelegener Bau aus der Mitte des 18. Jh. Dass die Stadt Köln die Burg für Hochzeiten zur Verfügung stellt, glaubt man sofort, wenn man über den breiten Graben in den Innenhof schreitet. Dass sich hier aber zudem ein „internationales Dokumentations- und Forschungszentrum für Theatergeschichte und Medienkultur“ befindet, ahnt man nicht.

Die Theaterwissenschaftliche Sammlung veranstaltet immer wieder selber Ausstellungen in den eigenen Räumlichkeiten. Überwiegend aber ist der umfangreiche Bestand an Fotos, Gemälden, Grafik, Figuren, Masken und spektakulären Modellen eine Fundgrube für Musen und Ausstellungsprojekte auf der ganzen Welt. Auch ich war dort auf der Suche und bin fündig geworden … – zu besichtigen ab Oktober 2017 im Deutschen Historischen Museum.

Foto: http://www.faberge-museum.de
Foto: http://www.faberge-museum.de

Museumsstreifzüge – Folge 11: Das Fabergé-Museum in Baden-Baden

vom 26.07.2016 05:02:05

Auf dieses Ei hatte ich es bei meinem Besuch in Baden-Baden abgesehen, um es für unsere Revolutionsausstellung auszuleihen. Wie kaum ein anderes Objekt stehen die berühmten Eier des russischen Goldschmieds Carl Peter Fabergé  für den unermesslichen Reichtum und Luxus im ausgehenden Zarenreich.

Jedes Jahr schenkte der Zar seit 1885 seiner Frau eines dieser kunstvollen Eier aus der Werkstatt des Hof-Juweliers und machte damit einen alten russischen Brauch, sich zum Osterfest mit Eiern zu beschenken, zu einer Mode in adligen und reichen Kreisen.

Von den ehemals 50 Eiern sind heute noch 45 in verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen bewundern, darunter in Russland, Großbritannien, den USA, der Schweiz, Monaco und eben dem privaten Museum des russischen Sammlers Alexander Nikolajewitsch Iwanow in Baden-Baden. Und genau eines dieser hier präsentierten Stücke, das Kaiserliche Osterei „Constellation von Zarensohn“ (1917), wäre für uns das richtige. Es zeigt die Himmelskuppel zum Zeitpunkt der Geburt des Zarewitsch. Der Zarin konnte es nicht mehr überreicht werden, da sie sich, zusammen mit der ganzen Familie, zu Ostern 1917 bereits in Gewahrsam in Zarskoe Zelo befand. Der Juwelier nahm es 1918 mit auf die Flucht. Sein Sohn kaufte sich damit später aus der Haft frei.

Insgesamt ist die Ausleihe äußerst schwierig, da die Versicherungssummen enorm, der Transport teuer und die Präsentation aufwendig sind. Zudem geben die Sammlungen die Eier nicht gerne her, da sie, was sie ja auch bei uns sein sollen, ein Publikumsmagnet sind. So auch in Baden-Baden, so dass unsere Chancen schlecht stehen…

Aber gelohnt hat sich der Ausflug auf jedem Fall. Das Museum ist ein Stück Russland in dem ohnehin „russischen“ Baden-Baden. Das Personal spricht überwiegend russisch, ich hatte eine wunderbare Führung von einer älteren Dame, die, so schien es mir, selber noch dem Zarenreich entstammt und Geschichte und Fiktion auf einnehmende Weise zu verbinden weiß. Neben den Eiern gibt es viele andere Fabergé-Kreationen zu bewundern. Mit über 1000 Exponaten befindet sich hier die größte Sammlung von Fabergé weltweit, die der Oligarch vermutlich aus gutem Grund in Deutschland und nicht in Russland präsentiert. Im Museumsshop wird die meist russischsprachige Fachliteratur verkauft, die größtenteils vom Meister persönlich stammt, der selber Kunsthistoriker ist und zu Fabergé forscht.

Ob und was von diesen Schätzen aus Baden-Baden oder anderswo letztlich bei uns in der Ausstellung zu sehen sein wird? Es bleibt spannend und hängt wie immer in der Ausstellungsarbeit von hartnäckigen Recherchen, Geld und glücklichen Zufällen ab.

Fotomuseum_Moskau

Streifzüge durch unbekannte Museen – Folge 10: … Moskau

vom 06.07.2016 16:15:55

Zwei Museen,  die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das ehemalige „Haus der Fotografie“, heute MultimnediaMuseum, und das Staatliche Literaturmuseum. In beiden war ich kürzlich zu Recherchen zur Revolutionsausstellung.  Unbekannt sind beide Häuser sicher nicht, aber vielleicht doch eine (Neu-) Entdeckung.

Während das MultiMediaMuseum über moderne und professionelle Ausstellungsräume verfügt  und für seine Ausstellungen  aus einem großen Budget schöpfen kann, muss sich das Literaturmuseum mit seinen 20 Filialen der Geburtshäuser russischer Literaten und dem Umbau  einer neuen Zentrale beschäftigen. Eine Dauerausstellung gibt es zur Zeit nicht, geplant sind biographische und thematische Ausstellungen zur Literatur des 20. Jh.

Das Fotomuseum gehört  zur Stadt Moskau, profitiert aber von der  gesellschaftlichen und wirtschaftlich stabilen Position seiner Leiterin. Präsentiert werden Wechselausstellungen auf den fünf offenen Etagen des Gebäudes, präsentiert von einer professionellen Ausstellungsarchitektur und – wie der Name des Museums nahelegt – auf allen medialen Kanälen. In der aktuellen Ausstellung  zum Russischen Kosmos habe ich sogleich noch spannende Exponate für die Revolutionsausstellung im Kontext der Weltraumträume des frühen 20. Jh. entdeckt.

Das Literaturmuseum dagegen verfügt über eine der größten Sammlungen zur Literatur überhaupt, die bisher noch auf viele Standorte verteilt und nur zu einem Bruchteil in den sog.  Memorialmuseen zu den bekanntesten russischen Schriftstellern ausgestellt ist. Der rührige Direktor versucht, in möglichst vielen Wechselausstellungen und Kooperationsprojekten aus dem Fundus zu schöpfen. Das Haupthaus im Zentrum der Stadt dümpelt derweil in einem trostlosen  Zustand vor sich hin: Aktuell gibt es nur in  einem Saal eine Gemäldeausstellung, von der sich nicht so recht  erschließt, was sie mit Literatur zu tun hat, alle anderen Räume sind mit  Möbeln, Vitrinen und Stellwänden vollgestopft, auf dem Weg zur Toilette muss man den Kopf einziehen, um nicht an die niedrige Decke zu stoßen. All das soll sich im kommenden Jahr ändern, wenn die neue Zentrale fertig sein soll.  Das kann man dem Museum nur wünschen, das sich – leider – nach glanzvollen Zeiten seit seiner Gründung in den 30er Jahren in einer Art Dornröschenschlaf befindet.

HM_Kiew

Streifzüge durch unbekannte Museen – Folge 9: Das Nationale Historische Museum der Ukraine in Kiew

vom 20.05.2016 14:37:04

Auf den Spuren der Revolution war ich letzte Woche seit langem wieder im Nationalen Geschichtsmuseum der Ukraine. Dort tut sich einiges, seit vor einem Jahr die neue Direktorin die Leitung übernommen hat. Ein Haus im Übergang: In den meisten Sälen ist noch die alte Präsentation zu sehen, es gibt sehr wenig Inszenierungen, sprich es dominiert eine konservative Vitrinenausstellung, angefangen von vollen Sälen zur Archäologie (tolle Sammlung!) durch die Jahrhunderte hindurch. Vermisst habe ich Wegweiser oder ein Leitsystem, auch hier gibt es außer klein geschriebenen Texten keine Angebote für Individualbesucher, also auch keinen Audioguide.
Schaut man jedoch genau hin oder hat das Glück einer guten Führung, wie ich es durch Elena hatte, entdeckt man Experimente an allen Ecken, neue Exponate und Interpretationen in mitten der alten Präsentation (z.B. bei der Darstellung des Zweiten Weltkrieges und der neuen Erinnerungskultur) eine wilde (Text-)Mischung aus ukrainisch, russisch und englisch, zeitgenössische Kunst zu aktuellen Themen, eine „Aktionsecke“ für Kinder und vor allem – engagierte Mitarbeiter.

Hinter der allenthalben zu spürenden Bereitschaft und dem Willen zur Veränderung und Erneuerung, dem Streben nach internationalen Kooperationen (die schon zahlreich stattfinden), steht die quirlige Direktorin, die sich nach und nach ein neues, eigenes Team zusammenstellt. Folgerichtig präsentiert sich das Museum online modern und zweisprachig.
Besonders beeindruckt haben mich die Ausstellungen und Installationen zum Majdan und dem Konflikt in den östlichen Gebieten. Zu sehen (und zu betreten) sind u.a. ein Zelt vom Majdan und eine Sonderausstellung zu „16 Schicksalen“ von Soldaten. Gezeigt werden Objekte „von der Front“, von den Museumsmitarbeitern gesammelt oder von Bürgern und Kämpfern geschenkt. Das „Sammeln der Gegenwart“ gehört zum täglichen Geschäft des Museums, das spürbar seine Funktion ebenso in der (Um-/Neu-)Deutung der nationalen Vergangenheit wie in der musealen Reflexion der unmittelbaren Gegenwart sieht. Der Besuch sei allen Kiew-Besuchern angeraten, die sich um das Verständnis des Wandels in der Ukraine bemühen.

Foto: http://milmed.spb.ru/
Foto: http://milmed.spb.ru/

Streifzüge durch unbekannte Museen – Folge 8: Das Kriegsmedizinische Museum in St. Petersburg

vom 13.02.2016 07:33:08

Hier stimmt es leider: Das Kriegsmedizinische Museum in Petersburg ist weniger bekannt, als es sein sollte. Seit vielen Jahren führen mich Ausstellungsprojekte dorthin – ein völlig unterschätztes Haus, meiner Ansicht nach. Wenn ich Medizinhistorikerin oder Mitarbeiterin eines unserer (häufig ebenfalls unterschätzten) Medizinhistorischen Museen in Deutschland wäre, dann würde ich ununterbrochen Kooperationsprojekte mit den russischen Kollegen umsetzen. Ihr Depot ist eine wahre Fundgrube, was übrigens die Amerikaner schon lange entdeckt haben, die sich dort die Klinke in die Hand geben.

Kürzlich war ich auf den Spuren der Revolution wieder einmal dort, um nach Exponaten zu suchen und, ich kann es nicht anders sagen, meine Freunde zu besuchen. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Es soll seit Jahren eine neue Dauerausstellung geben, die Website wurde bereits komplett neu gestaltet. Überhaupt ist das Museum sehr aktiv, an vielen Projekten und Kooperationen beteiligt, nur eine Konstante trotzt der Modernisierung und ist doch zugleich ihr Motor: Der allgegenwärtige und allmächtige Direktor. Das erinnerte mich auch jetzt wieder an meinen Bericht für die DHM-Mitarbeiterzeitung von 2003. Und wie damals und all die Jahre, die ich das Museum und seine Mitarbeiter nun kenne, bleibt mir nur zu wünschen, dass das Museum mehr Aufmerksamkeit auch bei uns erfährt und seine unglaublich reiche Sammlung uns noch viele spannende Ausstellungen beschert.