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Foto: www.mimi-gallery.com
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Museumsstreifzüge – Folge 4: Die Russische Nationalbibliothek

vom 01.11.2015 16:55:35

Eigentlich muss man gar nicht die Abteilung der (Kunst-)Drucke bemühen, um bei der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg an ein Museum zu denken. Die Bibliothek selbst gleicht einem Musentempel, wie es ihn bei uns für die wissenschaftliche Arbeit nur noch selten gibt. Mich führte die Recherche für ein neues Ausstellungsprojekt in die heiligen Hallen, in denen ich vor 20 Jahren schon einmal für meine Doktorarbeit recherchiert hatte.

Wie so oft in Russland, hat sich seitdem nicht und alles verändert, was so viel heißen soll, dass man ständig von einem Extrem in das andere gerät – zwischen Freud und Leid der Errungenschaften moderner Technik und der Globalisierung und den überkommenen, sowjetischen Gepflogenheiten. Zunächst gilt es, die zeitlosen Hürden der russischen Bürokratie zu überwinden. Meine Anfrage, die ich problemlos per Email stellen konnte, wurde mit den Hinweis beschieden, nichts gehe ohne einen gültigen Benutzerausweis, der natürlich nur vor Ort zu bekommen ist. Danach sehe man weiter. Ich stelle mich also mutig der Empfangsdame und lege ihr, um sie milde zu stimmen, meinen Ausweis von 1994 mit diversen Stempeln und handschriftlichen Eintragungen vor. Tatsächlich bringt sie das zum Lächeln, sie schaut mich lange an und meint schließlich, dass sie mich sogar wiedererkennt. Mir wird ganz warm ums Herz. Trotzdem ist die Zeit auch über diesen Ausweis hinweggegangen und es folgt die übliche Prozedur jeder Bibliothek: Ich muss ein Formular ausfüllen, ein Digitalfoto wird erstellt und ich erhalte einen neuen Ausweis mit, eine russische Besonderheit, dem Vermerk „Ausländerin mit höherer Bildung“. Nachdem ich noch die nicht weniger heikle Herausforderung der Garderobendamen überwunden habe, bin ich drin.

Ich muss, wie gesagt, in die Abteilung historischer und künstlerischer Produktionen, der Отделение эстампов. Dorthin führt mich ein langer Gang, ausgelegt mit einem dicken Teppich, die Wände holzgetäfelt, behängt mit den ehrwürdigen Portraits früherer Bibliothekare und verdienter Wissenschaftler. Mehrfach zweigt der Weg in labyrinthartige Gänge ab, Hinweisschilder gibt es keine, gelegentlich eine Vitrine mit Rara und alten Drucken. Es ist angemessen still, mir begegnen Leser und Leserinnen, tief versunken in ihre Gedanken mit Büchern und gebundenen Mappen unter dem Arm, Computer scheinen hier nicht her zu passen. Zeichen unserer aller Verbundenheit über nationale, Alters- und Bildungsgrenzen hinweg ist der Laufzettel, den wir alle zusammen mit unserem Ausweis bei uns tragen und der allein, bestempelt durch eine autorisierte Abteilung, bei der wir nachweislich vorstellig wurden, uns den freien Ausgang vorbei an der Polizeiwache garantiert.

Eine breite, marmorne Treppe, gesäumt mit verwitterten Steintafeln mit lateinischen, hebräischen, glagolitischen und griechischen Inschriften endet schließlich in einer schummrig beleuchteten Vorhalle, eingerahmt durch zweistöckige Bücherregale, deren Empore durch gewundene Wendeltreppen erreichbar wären, wenn sie nicht für den normal Sterblichen durch eine dicke rote Kordel abgesperrt wären. Große und schwere Vitrinen beherbergen eine Ausstellung über die Geschichte der Körperkultur, sprich: Sport, in Grafik, Literatur und Presse. In der Mitte thront die diensthabende Aufsicht, die дежурная, und schaut mich prüfend über ihre Brille hinweg an. Eine gewisse Erleichterung macht sich breit, als ich sie auf russisch frage, wo die gewünschte Abteilung sich befindet. Ohne Worte weist sie mir den Weg, absurd geradezu die Vorstellung, dass man bis hierhin gekommen ist, und den Weg nicht kennt.

Noch eine Halle ist zu durchqueren, eine Flügeltür zu stemmen und vor mir liegt erneut ein langer Gang, wiederum mit Teppich belegt und gerahmt von zweistöckigen Regalen und Vitrinen. Ehrfurchtsvoll schreite ich diese ab und bewundere Stiche, Leporellos, Postkarten, Kinderbücher, Karten und viele weitere Schätze. Am Ende wartet, hinter einem hohen Tresen, die nächste Aufsicht. Die Versuche, ihr mein Anliegen zu erklären, nämlich die Sammlung von Originalfotos aus dem 19. Jh. zu sehen, scheitern bis auf weiteres. Wie vermutet, ist meine schriftliche Anfrage niemals bis in den Lesesaal durchgedrungen. Es folgt, was folgen muss: Ich fülle eine handschriftliche Anfrage an die Bibliothekarin aus, der Fall ist kompliziert, also bestenfalls in einer Woche ist mit einer Antwort zu rechnen. Ich zeige mich ergeben und kündige doch an, in zwei Tagen noch einmal vorbeizuschauen, es geschehen ja auch Wunder.

So geschieht es, ich durchwandere abermals die Gänge und stehe ohne viel Hoffnung vor dem Tresen. Dieses Mal händigt man mir mehrere Bildbände aus, in denen eben jene Fotosammlung partiell publiziert sind. Es waren jene Kataloge, die mich in den Berliner Bibliotheken auf die Spur der Sammlung gebracht und den Wunsch geweckt haben, aus der Originalsammlung Exponate für unsere Ausstellung auszuwählen. Jetzt hilft nur noch eins, ich muss zur Chefin der Abteilung durchdringen. Ein paar Telefonate bescheren mir die persönliche Mailadresse, kurz darauf habe ich eine freundliche Einladung, die für mich seit langem bereit liegende Sammlung zu sehen.

Und so verläuft mein dritter Besuch nicht nur problemlos, sondern sehr erfolgreich: Neben den Fotos bekomme ich originale Plakate, Kunstbücher und vieles mehr zu sehen einschließlich einer Fotoerlaubnis und professionellen Betreuung. Man habe schon auf mich gewartet, meine Anfrage liege ja vor, nur im Lesesaal, habe man davon offenbar nichts gewusst, erklärt sie mir in ihrem Büro, das nur durch eine Tür vom Lesesaal getrennt ist. Aber ich bin natürlich auch selber schuld: Meine ersten Besuche fielen in die abendlichen Öffnungszeiten der Bibliothek, in denen Rückfragen an die Leitung nicht möglich sind und originale Sammlungen sind eben nicht mit gewöhnlichen Büchern und Veröffentlichungen zu vergleichen, die in den anderen zahllosen Lesesälen und Abteilungen an die Leser ausgegeben werden. Ich hätte es wissen müssen nach meinen Recherchen in der Handschriften-Abteilung anno 1994/95. Vieles hat sich seitdem verändert, manches aber eben auch nicht. Heute funktioniert die Heizung zuverlässig, das Buffet hat mehrere Essen zur Auswahl, es gibt ein WiFi-Netz und eine im Prinzip frei zugängliche Kopierstelle. Irgendwie bin ich aber trotzdem froh, dass russische Bibliotheken eben doch noch eine Herausforderung bleiben und kann nur jedem empfehlen, die russische Fachliteratur stärker zu berücksichtigen.

Foto: http://partisanmag.by/?p=11846
Foto: http://partisanmag.by/?p=11846

Museen in Belarus – Zur Lage

vom 23.10.2015 16:31:17

In einem früheren Blog hatte ich es schon erwähnt und ganz neu ist es auch nicht mehr, aber ich möchte doch noch einmal auf das Sonderheft der Zeitschrift pARTisan zu den Museen in Belarus hinweisen. Publikationen zur belarussischen Museumslandschaft sind schließlich nicht allzu häufig.

In Kooperation mit dem Goethe-Institut in Minsk ist dieses Heft mit Beiträge in belarussischer und englischer Sprache erschienen. Die Einleitung bestreitet der Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, Stephan Wackwitz, der in den letzten Jahren das Regionalprojekt „Zeitmaschine Museum“ unter Beteiligung mehrerer prosowjetischer Länder geleitet hat. Die ansonsten belarussischen Autoren, darunter der hierzulande schon bekannte Artur Klinau, geben Einblicke in Tendenzen der Museen im Land konkrete Museen wie das neue Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges (vgl. dazu meinen eigenen Text, in dem der luzide Blick von Alaksiei Bratačkin auf das Museum bereits eingeflossen ist), die noch immer skeptische, offizielle Haltung zur zeitgenössischen Kunst oder das diesjährige Projekt auf der Biennale in Venedig (für den ich die Ehre und das Vergnügen hatte, einen Katalogbeitrag zu schreiben).

Ein ganz besonderer Beitrag ist die Fotoserie zu einem Gemälde des Künstlers Ruslan Vashkevich, „Not looking at anything“ (2013). Allein dafür lohnt sich die Lektüre!

Foto:  http://www.timacad.ru/faculty/zoo/museumkonev/
Foto:
http://www.timacad.ru/faculty/zoo/museumkonev/

Museumsstreifzüge – Folge 3

vom 18.10.2015 12:54:10

Das Thema „Pferde und reiten“ aus dem Blogeintrag vom 4. Oktober hat mich an die Anfänge meiner sehr spezifischen Interessensverbindung von Museum, Russland und Pferden erinnert. Das Ziel einer meiner ersten Museumsbesuche in Russland war das heute noch immer bestehende „Museum der Pferdzucht in der landwirtschaftlichen Timirjasev-Akademie“ in Moskau. Ich war dort im Herbst 1989 (!) während meines Studiums in Moskau.

Ich weiß noch, wie ich nach generalstabsmäßiger Vorbereitung mit Karte und Erkundung der öffentlichen Verkehrswege voller Stolz am (gefühlt) äußersten Nordzipfel der Stadt angekommen bin und vor dem Museum stand. Ich war die einzige und vermutlich auch die erste ausländische Besucherin, so dass mich die Damen der Aufsicht direkt in ihr Herz schlossen. Dass ich schon leidlich russisch sprach, hat sie darin nur ermutigt. Sie haben mich mit ihrer ganzen Begeisterung für die nationale Pferdezucht und das russisch-sowjetische Museumswesen durch die Ausstellung geführt. Ich habe sehr herzliche und schöne Erinnerungen an diesen Ausflug, der, wenn ich es mir jetzt nach 25 Jahren überlege – mein Interesse an Russland gestärkt, meine Leidenschaft für Pferde bekräftigt und meine Begeisterung für Museen vermutlich erst geweckt hat. Ich muss unbedingt bei meiner nächsten Reise nach Moskau ins Pferdezuchtmuseum fahren!

Музей коневодства Московской сельскохозяйственной академии им. К.А. Тимирязева

Тема „лошади и конный спорт“ из блога 4ого октября напомнила мне в истоках своей очень специфической связи по интересам: музеи, Россия и лошади. Целью одно из моих первых музейных посещений в России был еще сегодня существующий «Музей коневодства» в Москве. Я его посетила осенью 1989 г. (!) во время учебы в Москве.

Я хорошо помню, как я туда добралась после аккуратной подготовки в стиле генерального штаба при помощи карт и схем общественного транспорта и гордо стояла перед музеем у края севера Москвы (как мне показала). Я была единственной и, вероятно, также первой иностранной посетительницей, так что дамы в музее сразу полюбили меня. Факт, что я уже говорила более или менее по-русски, их только воодушевил. Со всем энтузиазмом по национальному коневодству и русско-советскому музейному делу они сделали мне зкскурсию. У меня остались самые теплые воспоминания об этом посещении, которое, если размышляю о нем через 25 лет – укреплел мою любовь к России, подтвердил мою страсть к лошадям и разбудила, вероятно, мое увлечение музеями. Я при своей следующей поездке в Москву точно должна собираться в музей коневодства!

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Freiberuflich aus Überzeugung und mit Leidenschaft

vom 11.10.2015 15:39:56

So arbeite ich seit nunmehr acht Jahren. Über die Herausforderungen, Schwierigkeiten ebenso wie die Vorzüge dieser Arbeitsweise werde ich am Donnertag, den 3. Dezember im Rahmen des ZZF Career Talk von 13:00 – 14:30 Uhr im Bildungsforum Potsdam berichten.

Weitere Informationen dazu gibt es hier und hier.

Das Museum im Chrenovskij Pferdegestüt/музей в Хреновском конезаводе Foto: http://www.osd.ru/txtinf.asp?tx=2785
Das Museum im Chrenovskij Pferdegestüt/музей в Хреновском конезаводе
Foto: http://www.osd.ru/txtinf.asp?tx=2785

Auf den Spuren der russischen Pferdezucht

vom 04.10.2015 15:18:52

Meine Projekte und Publikationen bewegen sich, wie auf dieser Website dargestellt, in der Schnittmenge von Russland, Geschichte und Museum. Eigentlich müsste ich noch einen vierten Schwerpunkt hinzufügen, der auf den ersten Blick nicht so recht dazu passen will: Pferde. Hier liegt mein Schwerpunkt zugegebenermaßen in der Freizeit, aber es gibt doch immer wieder fließende Grenzen zu beruflichen Projekten.

Aktuell verbinden sich Russland, Geschichte, Museum und Pferde in Recherchen zur russischen Emigration nach der Revolution 1917. Auf den Spuren der Familie Orlow stoße ich auf das erste Gestüt der russischen Traber, der Orlowpferde. Es liegt gut 600 km südlich von Moskau im Gebiet Voronezh – ohne Zweifel eines meiner nächsten Ziele für die Museumsstreifzüge. Es erinnert mich an die Anfänge meiner Museumsrundgänge (aber das ist eine eigene Geschichte) und ich stelle fest, dass zu meiner Arbeit eine immer wiederkehrende Begegnung mit der russischen Pferdezucht und Reiterei gehört. Noch zu Sowjetzeiten bin ich Bitca geritten, später in Sokolniki und zuletzt drei Jahre in Minsk – dank persönlicher Kontakte zu offiziellen Vertretern des Reitsports immer auf Spitzenpferden und mit professionellem Training. Die vielen Geschichten vom Protokollschreiben für kapriziöse Dressurrichter aus Deutschland auf internationalen Turnieren, die Übersetzungen von – teilweise grotesk anmutenden – Gesprächen über Kooperationsmöglichkeiten (Ankauf eines Hengstes aus Deutschland oder doch lieber Sperma?) sowie unvergessliche Erlebnisse in diversen VIP-Lounges auf Turnieren gehören wohl nicht in diesen Blog. Ich hatte davon in meinem Belarus-Blog berichtet.

Und doch holen mich Pferd und Reiter in Russland/Belarus immer wieder ein, nun eben über die Orlow-Traber und einen der heutigen Vertreter dieses alten russischen Adelsgeschlechtes. Aber ich bin auch nicht die einzige, die erkannt hat, dass man Russland zwar nie ganz, aber ein bisschen besser nur über seine Pferde verstehen kann: Der Regisseur Thorolf Lipp bereitet im Auftrag von ZDF/arte eine 5-teilige Dokumentation über die „Russlands Pferde“ vor. Ich kann es kaum erwarten!

По следам русского конезаводства

Мои проекты и публикации передвигаются, как представлено на этой веб-странице, в пересечении России, истории и музеев. Правда, я должна была бы добавлять еще четвертый аспект, который на первый взгляд как-то не подходит к этому: Лошади. Разумеется, тема связана со свободным временем, но, все же, снова и снова влияет на мои профессиональные проекты.

В настоящее время Россия, история, музей и лошади связываются в моих поисках по русской эмиграции после революции 1917 г. По следам семьи Орловых я сталкивалась с первом конном заводом легендарной орловской рысистой породы лошадей. Он лежит 600 км в юге от Москвы в Воронежской области – без сомнения одна из моих следующих музейных экскурсий. Это напоминает мне в истоках моих экскурсий по русским музеям (однако, это другая история) и я понимаю, что всегда возвращаюсь к русскому конезаводству и конному српорту. Еще в советские времена я каталась в Битце, попозже в Сокольниках и в конце три года в Минске – благодаря личным контактам с официальными представителями конного спорта всегда на лошадях вышего класса и с профессиональной тренировкой. Много анекдотов о поддержке капризных немецких судей по выездке на международных соревнованиях, переводе – частично абсурдных – переговоров о возможной кооперации (пркупать жеребца из Германии или все же сперму?) а также незабываемых встречах с VIP спортсменами пожалуй не принадлежат в этот блог. Я рассказала об этом в своем блоге из Беларуси.

И, все же, лошади и всадники в России / Беларуси сопровождают меня, теперь как раз в рамках поисков одного из сегодняшних представителей старого русского дворянского рода. Но я, кажется, не единственная, которая поняла, что понимать Россию полностью не возможно, но немного лучше только через истории ее лошадей: Режиссер Торольф Липп по поручению немецкого телевидения подготавливает 5-частную документацию о „лошадях России“. Я едва ли могу ожидать ее!

Das Militärmuseum in Budapest. Foto: http://www.militaria.hu/
Das Militärmuseum in Budapest.
Foto: http://www.militaria.hu/

Museumsstreifzüge – Folge 2

vom 27.09.2015 14:11:13

Mein zweiter Ausflug in die unendlichen Weiten unbekannter Museen – und diesem war auch der unten angefügte, zweite Text in der Mitarbeiterzeitung des DHM gewidmet – führte mich 2002 nach Budapest ins dortige Militärmuseum und das Nationalmuseum. Auch dorthin musste ich seitdem leider nicht noch einmal zwecks Recherchen. Es gebietet also das Minimum an Höflichkeit, die aktuellen Internetauftritte der genannten Museen zu besuchen, um meine veralteten Beobachtungen als solche zu entlarven.

Dabei stellt sich allerdings sogleich die Frage, ob mein damaliges Urteil über Ungarn – nämlich die Fahne westlich-zivilisierter Sitten und Gebräuche in mitten des östlichen Europas hochzuhalten – nicht eher entgegengesetzt korrigiert werden muss. Immer vorausgesetzt, als „westlich-zivilisiert“ zu gelten sei erstrebenswert, erhält Ungarn ja wohl schon seit einigen Jahren erheblichen Punktabzug, was den Umgang mit der Kultur im eigenen Land angeht. Ganz anders freilich sehen es wohl die meisten Ungarn selber, wenn man zudem noch die aktuelle Anwendung „westlich-zivilisierter“ Standards in der nationalen Willkommenskultur in den Blick nimmt. Aber das ist natürlich ein anderes Thema.

Trotzdem passt dazu irgendwie die, wie ich finde, durchaus überraschende Feststellung, dass das Militärmuseum es offenbar bis heue nicht zu einer Website in einer über die Landesgrenzen hinaus gebräuchlichen Sprache gebracht hat. Es ist kaum zu glauben, aber wahr. Oder hat das am Ende mit dem Wandel im Land zu tun und war früher einmal anders?

Für das Nationalmuseum verspricht mir der Wikipedia-Eintrag eine Homepage auf ungarisch, deutsch, englisch, italienisch und spanisch (Stand 2008!). Falls es nicht an meinem technischem Unvermögen liegt, was ich natürlich nicht ausschließen kann, dann wurde die aktuelle Version der Website auf ungarisch und englisch reduziert. Ein Schelm, wer einen Rückzug aus Europa und das maximale Zugeständnis an die Sprache der britischen Europaskeptiker darin erkennen möchte. Oder ob es doch daran liegt, das noch immer keiner verstanden hat, was es mit Trianon auf sich hat?

Hier geht’s zum Text.

Blick in die Ausstellung, 2002
Blick in die Ausstellung, 2002

Museumsstreifzüge

vom 20.09.2015 13:38:28

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht in der Recherche nach Exponaten in russischen, belarussischen und anderen (osteuropäischen) Museen. Angefangen hat das damals mit der Ausstellung zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg (2004), als ich zwischen 2001 und 2003 im Auftrag des Deutschen Historischen Museums nach Russland, in die Ukraine, nach Litauen, Ungarn und Serbien gefahren bin, um Leihgaben zu recherchieren, die wir später in der Ausstellung gezeigt haben.

Diese Erfahrungen waren Gold wert, seitdem bin ich immer wieder für verschiedene Museen unterwegs, um Exponate zu suchen. Allmählich kenne ich viele russische Sammlungen ziemlich gut, noch wichtiger sind aber die persönlichen Kontakte zu den Kollegen. Schon bald werde ich für ein neues Projekt wieder nach Russland Belarus und in die Ukraine aufbrechen.

Das eine sind die Ergebnisse der Exponatsuche, das andere die (inter-)kulturellen Eindrücke, die ich dabei sammele. Diese will ich hier in einer neuen Reihe unter dem Schlagwort „Museumstreifzüge“ veröffentlichen. Zur Einstimmung beginne ich mit früheren Texten, die damals in der Mitarbeiter-Zeitung des DHM erschienen sind. Den Anfang macht das Museum der Grenzregimenter in Moskau – ein unwiederbringliches Erlebnis. Vermutlich hat sich vieles seitdem in dem Museum geändert, wenn ich mich nicht täusche schon allein die Unterordnung unter den FSB, die es damals noch nicht gab. Leider hatte ich nach meinem Besuch 2002 nichts mehr mit dem „Museum der Grenzregimenter“ zu tun – schade eigentlich!

Hier geht’s zum Text.

Foto: Andris Breže: Dove of Peace, 2014 http://museumspoliticsandpower.org/2014/03/24/museum-politik-blitzlicht-nationales-kunstmuseum-lettland/
Foto:
Andris Breže: Dove of Peace, 2014
http://museumspoliticsandpower.org/2014/03/24/museum-politik-blitzlicht-nationales-kunstmuseum-lettland/

19X14 – Konferenzdokumentation zur Ausstellung in Riga erschienen

vom 13.09.2015 16:25:00

Nach gut einem Jahr sind die Beiträge zu vier Konferenzen im Vorfeld der Ausstellung „1914“ im Lettischen Nationalmuseum in Riga in einer Ausgabe der Reihe „Museumsschriften“ 6/2015 erschienen. Ich hatte das Glück, diese Ausstellung zu sehen, als ich bei einer dieser Tagungen einen Vortrag über die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Russland gehalten habe.

Zwar ist die Aufmerksamkeit für den 100. Jahrestag seit Ausbruch des Weltkrieges in der Zwischenzeit deutlich zurückgegangen. Umso wichtiger erscheint es mir, mit dem Katalog und nun dieser Konferenzpublikation an diese, wie ich finde, sehr wichtige und besondere Ausstellung zu erinnern. Im Zentrum stand die Bildende Kunst dieser Jahre aus Ländern, die wir hier oft aus dem Blick verlieren: Polen, das Baltikum, Finnland, Serbien, Kroatien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Dabei stellte sie die Kunst um 1914 in Beziehung zu aktuellen Kunstwerken (siehe das Foto) und fragte nach der europäischen Identität heute. Damit leistete sie einen innovativen Beitrag zum Programm der Kulturhauptstadt, die Riga 2014 war.

Über die Ausstellung und ihren Anspruch hatten wir in unserem ICOM-Konferenzblog „Museum, politics and power“ http://museumspoliticsandpower.org/berichtet.

19X14 Появлялась документация конференции к выставке в Риге

Через год появилась публикация докладов несколько конференций к выставке „1914 г.“ в Национальном музее Латвии в Риге в издании „Музейные записи“ 6/2015. У меня было счастье увидеть эту выставку, когда я читала доклад о воспоминании о Первой мировой войне в России во время одного из этих заседаний.

Правда, внимание к 100-ой годовщине с начала мировой войны успокоило. Тем важнее мне кажется каталогом и теперь публикацией напоминать о этой важной выставке. В центре – изобразительное искусство этих лет из стран, которые мы на западе часто не принимаем достаточно во внимание: Польши, Прибалтики, Финляндии, Сербии, Хорватии, Венгрии, Чехии и Словакии. Кроме этого выставка связала искусство из годов около 1914 г. с актуальными художественными произведениями (смотрите фотографию) и спрашивала о европейской идентичности сегодня. Вместе с тем она вносила инновационный вклад в программу культурной столицы, которой была Рига в 2014 г.

О выставке и ее концепции мы сообщили в нашем блоге к конференции ICOMа „музей и власть“.

Foto: http://minsknews.by/blog/2015/08/29/v-minske-predstavili-12-strategiy-sovremennogo-belorusskogo-iskusstva/
Foto: http://minsknews.by/blog/2015/08/29/v-minske-predstavili-12-strategiy-sovremennogo-belorusskogo-iskusstva/

Museumsnews Belarus

vom 06.09.2015 16:41:09

Jedes Mal, wenn ich nach Belarus fahre, um Freunde und Kollegen zu treffen, wird mir die ganze Tragik der Berichterstattung über dieses Land erneut vor Augen geführt. Diese lässt sich, unbeeindruckt von der Ukraine-Krise, der jüngsten Freilassung aller (!) politischen Gefangenen und einer im Detail durchaus differenzierten Entwicklung, mit den Worten zusammenfassen „Im Osten nichts Neues“. Dies entspricht in der Tat dem nach außen sichtbaren Bild, und was die Museen betrifft, sagte mir die Kuratorin Olga Rybchinskaja, dass sich seit Jahren eigentlich nichts tut, es geht nicht vor und nicht zurück. Jeder macht, so gut es geht, „sein Ding“, realisiert Projekte, treibt Geld auf und nutzt den vorhandenen Freiraum für sich.

Was pragmatisch klingt und angesichts der stagnierenden politischen Situation auch ist, bildet die Realität aber nur zu einem Teil ab und darüber wird bei uns so gut wie nie berichtet. Die Menschen sind voller Energie, entwickeln immer neue Ideen und Initiativen, setzten unermüdlich neu an und bewahren neben Geduld und Pragmatismus nicht zuletzt Spaß an ihrer Arbeit und Lebensfreude.

Ich kann das freilich nur für den Museumsbereich beurteilen, dort gib es allerdings viele Beispiele. Allen voran das Nationale Historische Museum. Hier ist die Lage weiterhin desolat, etwas substantiell Neues gibt es nicht zu berichten: Das Gebäude in der Karl-Marx-Straße ist zu klein, in schlechtem Zustand, eine zusammenhängende Dauerausstellung fehlt, die Sonderausstellungen leiden häufig an Professionalität. Im letzten Jahr kam es noch schlimmer: Die Sammlungen, größtenteils untergebracht im alten Gebäude des Museums der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges (GVK) gelagert, das für den Abriss bestimmt war, mussten umziehen und befinden sich seitdem an fünf Standorten in der Stadt, deren Bedingungen man erst gar nicht näher beleuchten möchte. Nun ist der Geduldsfaden gerissen, die Leitung hat sich, sozusagen, als letztes Aufgebot, an die Regierung gewandt, diesen Zustand zu beenden. Die Presse hat ausführlich über den Verfall des nationalen Kulturerbes berichtet (Культура 35 (1213), 29.8.2015) und man wünscht sich, dass die Öffentlichkeit aufgerüttelt wird. Nachdem sich schon der Umzug in ein neues Gebäude vor einigen Jahren erledigt hat, weil man dort nach Jahren der Neukonzeption des Museums doch lieber eine Sicherheitsbehörde untergebracht hat, träumen die Kollegen nun von einem Neubau an der Stelle, wo das alte Gebäude des Museums GVK in der Zwischenzeit abgerissen wurde. Vermutlich wird das leider ein Traum bleiben.

Eher ein Albtraum war dagegen wohl der Umzug des Museums GVK. Nachdem der Direktor, Vitalij Skobeljov, die Herkulesaufgabe der Neueröffnung 9. Mai 2014 kurzfristig von dem kurzerhand gefeuerten Sergej Azaronok übernommen hatte, ist ihm nun offenbar klar geworden, dass es mit der Eröffnung nicht getan ist und die eigentlichen Probleme der Bauabnahme, der Anpassung der unter Druck eröffneten Ausstellung und vor allem der Aufrechterhaltung des öffentlichen Interesses jenseits der Jahrestage jetzt erst anstehen. Das will er sich, wer will es ihm verdenken, nicht antun und hat gekündigt. Wer ihm nachfolgt, ist noch offen. Der alte Direktor zieht seine Fäden.

Eine Konstante, um nicht zu sagen: Fossil des Museumsbetriebs ist derweil der Direktor des Nationalen Kunstmuseums Vladimir Prokopcov, der ungeachtet aller Herausforderungen mit bewundernswerter Konsequenz seine Idee des Museumsquartals rund um das zentrale Gebäude seines Hauses verfolgt. Offenbar geht es gut voran, geplant sind weitere Ausstellungsflächen, ein zentraler Servicebereiche und ein nationales Restaurierungszentrum.

Eine bislang verschlagene Filiale des Kunstmuseums erwacht derweil unter seinem neuen Direktor zu seinem Leben, das Museum „Haus der Vankovichi“ . Dort herrscht seit kurzem Sergej Vecher, vormals Direktor des Nationalen Historischen Museums, wo das Kulturministerium ihn wegen des freilich von ihm nicht verursachten abgesagten Umzugs in das oben genannte Gebäude gefeuert hat. Nun hat er eine lange Liste neuer Ideen für das Herrenhaus aus 18./19. Jh. und will es zu einem zentralen Begegnungsort in Minsk machen.

Ein Treffpunkt für die junge Kunstszene ist schon seit längerem das Zentrum für zeitgenössische Kunst geworden, das nun zum 1. Oktober mit dem Museum für zeitgenössische Kunst zusammengeführt wird. Leiterin wird weiterhin Natalja Scharangovich sein, die Grande Dame der aktuellen Kunst- und Künstlerszene, die seit Jahren unermüdlich daran arbeitet, ihre Landsleute an Gegenwartskunst zu gewöhnen. Dazu gehört aktuell ein Skulpturenpark im „Park des Sieges“, der belarussische Pavillon auf der Biennale in Venedig und die Eröffnung einer großen Ausstellung „12 Strategien“ mit Arbeiten der zwölf renommiertesten belarussischen Gegenwartskünstler. Diese Ausstellung verdankt die Stadt Minsk einer Absage der Chinesen, wohin die Arbeiten eigentlich schon gereist sein sollten. Ob dieser Plan aufgehoben oder aufgeschoben ist, ist unbekannt. Ein Katalog auf belarussisch, englisch und chinesisch liegt vor, man steht in den Startlöchern. Auch in Polen ist belarussische zeitgenössische Kunst zu besichtigen, derzeit in einer Ausstellung in Bialystok.

Angesichts dieser Vielfalt ist es bedauerlich, dass ICOM Belarus kaum in Erscheinung tritt, was nicht zuletzt daran liegt, dass Museen nicht Mitglied werden dürfen und der Beitrag für Einzelpersonen oft zu hoch ist, aber auch an den unvermeidlichen Intrigen unter den Museumsdirektoren und anderen Kollegen.

Folglich hat nicht ICOM, sondern die Redaktion des Kulturmagazins Arche ein wunderbares Museumsheft herausgebracht, das einen durch das Prisma kritischer Autoren ein Schlaglicht auf die aktuelle Museumslandschaft wirft. Unter den Autoren ist freilich kein Museumsmitarbeiter und so gerät der Blick eher philosophisch-kulturwissenschaftlich, was das Verdienst, diese Thema in einem Sonderheft aufgegriffen zu haben, nicht schmälert.

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Das neue Museum des „Großen Vaterländischen Krieges“ in Minsk

vom 19.08.2015 10:57:30

Das 2014 wiedereröffnete „Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ in Minsk scheint das hierzulande weit verbreitete Bild von Belarus zu bestätigen: Das Land, sein Präsident und die Bevölkerung sind in der Sowjetunion stehengeblieben. Aber der Schein trügt, bei näherer Betrachtung entdeckt man überall Ambivalenzen und Zwischentöne, die fast alle Bereiche von Politik und Gesellschaft in der „letzten Diktatur Europas“ ausmachten. Dies spiegelt auch das Museum eindrücklich wieder: Der alte Partisanenmythos wird geradezu liebevoll geprägt, schwierige Themen wie die Stalinschen Repressionen praktisch ausgespart und die ruhmreiche Sowjetunion enthusiastisch gefeiert. Und doch setzt sich die Entwicklung fort, die schon in der Ausstellung im alten Gebäude begonnen hatte: Der zunehmend differenzierte Einsatz musealer Vermittlungsformen begleitet die, zugegeben sehr zögerlichen inhaltlichen Entwicklungen, und öffnen damit ein Feld kritischer Auseinandersetzung, das zu erweitern sich lohnt. Wie genau das Museum mit dem ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten umgeht, ist Gegenstand meiner Analyse, die kürzlich in Zeitgeschichte-Online erschienen ist. Eine ausführliche Version des Textes findet sich hier.