Blog

Übersichtsplan zum Gedenkkomplex Trostenec, 2014
Übersichtsplan zum Gedenkkomplex Trostenec, 2014

Erinnern an Malyj Trostenec

vom 20.03.2016 16:07:58

Die Wanderausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers in Trostenec nimmt konkrete Formen an. Auf unserer letzten Beiratssitzung im Februar in Minsk haben wir die Ausstellungsstruktur, Texte und erste Gestaltungsentwürfe diskutiert. Sie soll noch in diesem Jahr in Berlin eröffnet werden.

Ein großer Schritt ist auch die Unterzeichnung des Vertrages zwischen dem städtischen Baubüro «Minskprojekt» und der Achitekturwerkstatt von Galina Levina. Die Tochter von Leonid Levin wird dessen Entwurf für den Teil der Gedenkstätte in der Blagovščina ausführen. Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein. Levina hatte sich wiederholt kritisch über die Arbeit der Behörden an dem Projekt geäußert.

Über das Gesamtprojekt informiert das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund auf seiner Website und die Geschichtswerkstatt in Minsk in seiner Broschüre. Über den Kontext dieses historischen Ortes in der belarussischen Erinnerungslandschaft sprach ich kürzlich mit dem Journalisten Cornelius Wüllenkemper. Sein Feature „Schwierige Erinnerungen: Demokratie und Gedenken in Belarus“ war am 1. März 2016 im ORF zu hören.

Repressij

Zur Geschichte der Repressionen in Belarus – Ein virtuelles Museum

vom 31.01.2016 14:16:58

Politische Repressionen in der Sowjetunion hat es nicht gegeben – репресий нет. Ganz so kategorisch ist der offizielle Standpunkt auch nicht mehr, aber das Thema wird außerhalb wissenschaftlicher Kreise noch immer tabuisiert. Hier ist Belarus deutlich rigoroser als Russland, wo der Umgang mit den stalinschen Repressionen äußerst widersprüchlich ist. In Belarus erinnert nun ein virtuelles Museum an die Verbrechen.

So bezeichnen es die Mitglieder der Projektgruppe, eine bunte Truppe verschiedener Berufe mit großem persönlichem Engagement. Ich hatte 2013 mit der Gruppe an dem Projektmanagement des Vorhabens gearbeitet. Umso mehr freue mich mich, dass die Website nach jahrelanger Arbeit jetzt online ist! Eigentlich ist es eher ein Informationsangebot, als ein virtuelles Museum. Im Zentrum stehen Biographien und individuelle Schicksale, die mit Videos, Tondokumenten und persönlichen Materialien aufbereitet sind. Über eine Suchfunktion kann man nach konkreten Personen suchen. Darüber hinaus erschließen sieben Themenbereiche weiterführende Informationen, mit kurzen Texten und meist bereist publiziertem Material, deren Quellen leider nicht angegeben sind. Die Gestaltung ist professionell und übersichtlich.

Der Name bzw. die Adresse der Website ist Programm ihrer Autoren: Репрессий нет – es gibt keine Repressionen im öffentlichen Diskurs des Landes. Das Angebot besteht in belarussisch und in einigen Teilen russisch und englisch zur Verfügung, es wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung Belarus gefördert und kooperiert mit den Initiatoren des Portals für Oral history: Auch dieses Projekt, das auf die wissenschaftliche Arbeit einer Gruppe von Historikern zurückgeht, hatte und hat mit vielen Widerständen zu kämpfen. Beide Webprojekte sind wichtige Beiträge in dem noch immer restriktiven akademischen Umfeld.

Foto: http://www.pic.com.ua/serebryanaya-svadba-po-belorussky-yly-welkome-to-kabaret.html
Foto: http://www.pic.com.ua/serebryanaya-svadba-po-belorussky-yly-welkome-to-kabaret.html

Die Revolution und Trostenec…

vom 22.01.2016 19:39:02

… gleich zwei meiner aktuellen Themen spricht die Sängerin Svetlana Ben‘ von der belarussischen Gruppe „Silberhochzeit“ in einem gerade erschienenen Interview an. Welche Faszination die Revolution von 1917 offenbar auch auf Kinder ausübt, belegt ihr Geständnis, bereits mit sechs Jahren auf der Haustreppe ein Theaterstück dazu entwickelt zu haben. Man kann es sich lebhaft vorstellen, wenn man die Künstlerin heute auf der Bühne sieht! Und Trostenec ist für sie ein Symbol der noch immer verdrängten Erinnerung an die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, die jenseits aller Schrecken der deutschen Besatzungsherrschaft, von den eigenen Machthabern verübt wurden. Was könnte eine stärkere Motivation sein, im IBB weiter an unserer Wanderausstellung für deutsche und belarussische Schüler zu arbeiten? Es ist bezeichnend, dass die Frage der Erschießungen durch den NKWD auf dem Gelände von Trostenec vor dem Einmarsch der Deutschen von Anfang an zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Nicht locker in dieser Frage lässt der Historiker Igor Kuznecov. Auch wenn das offiziell keiner hören will, so lässt sich offenbar nicht verhindern, dass das Thema über andere Wege, wie dieses Interview, Verbreitung findet.

Революция и Тростенец …

… два моих актуальных тем – являются предметами в новом интервью певица Светланой Бень белорусской команды „Серебряная свадьба“. Каким увлечением, кажется, оказывает революция 1917 г. для детей – об эом свидетельстует ее признание, что она уже в шестилетнем возрасте устроила ее собственную пьесу по этой теме. Это не сложно себе представить смотря на ее сегодня на сцене! И Тростенец для нее является символом репрессированного памяти о преступлениях Второй мировой войны, какие, несмотря на все ужасы немецкой оккупации, были совершены советской властью. Какая может быть сильнее мотивация для продолжения работы над нашей передвижной выставкой для немецких и белорусских школьников? Правда, надо отметить, что вопрос о расстрелах НКВД на территории Тростенца до нападения немецких войск вызвал острые дискусии с самого начала. Постоянно об этом пишет историк Игорь Кузнецов. Хотя официально никто не хочет его слышать, кажется тема распостраняется по другим путям, например через интервью.

Makhotina

Krieg im Museum. Ein neuer Sammelband zur Erinnerung des Zweiten Weltkriegs in Museen und Gedenkstätten in Osteuropa

vom 08.01.2016 09:50:06

Nachdem das Thema Erinnerung und Gedächtnis nun schon über einen langen Zeitraum hinweg aktuell ist und immer neue Publikationen erscheinen, hatte die Wissenschaft in der Folge das Forschungsfeld „Museen und Ausstellungen“ in Westeuropa entdeckt. Ost- und Ostmitteleuropa wurden zunächst stiefmütterlich behandelt, doch seit einigen Jahren gibt es auch hier mehr Veröffentlichungen. Eine neue ist nun hinzu gekommen, hg. Vom Collegium Carolinum an der Universität München. Ich habe den Sammelband für H-Soz-Kult kürzlich rezensiert.

Foto: http://ibb.by/educational-program/journal/news
Foto: http://ibb.by/educational-program/journal/news

Erinnerungskultur auf belarussisch

vom 20.12.2015 06:56:52

Dieses bei uns schon länger aktuelle Thema kommt allmählich auch in Belarus an. Am vergangenen Mittwoch habe ich, wie angekündigt, eine Podiumsdiskussion in Minsk zu der Frage geleitet: „Welche Erinnerungskultur braucht die belarussische Gesellschaft. Die Rolle der Medien“. In diesem Rahmen wurde eine Publikation vorgestellt, die Reportagen und Berichte von jungen Journalisten verschiedener Medien zur Erinnerungskultur und Geschichtspolitik umfasst: „Erinnerungskultur – professionelle Standards und Praktiken für die Aufbereitung historischer Themen in den Massenmedien“, hg. von Marina Zagorskaja für das IBB Minsk, 2015 (Культура памяти – профессиональные стандарты и приемы в освещении исторической тематики в СМИ).

Sowohl die Publikation als auch die Podiumsdiskussion machen deutlich, dass die Beschäftigung mit dem Thema ganz am Anfang steht. Mein Eindruck ist, dass schon der Begriff viele Fragen aufwirft. Gesprochen und geschrieben wird meist über Geschichte, kaum über die Art und Weise, wie wir uns daran erinnern – sollen/wollen. Hinzu kommt, dass sich die Diskussion thematisch auf die Erinnerung an den Krieg beschränkt, womit schnell die häufig zementierten Meinungen den Austausch bestimmen. Aber genau das ist ja Erinnerungskultur, darin waren wir uns dann auch auf dem Podium einig. Möge die Publikation ein Anfang sein, diese Kultur zu entwickeln.

20140515_110151

Das neue Museum des „Großen Vaterländischen Krieges“ in Minsk

vom 19.08.2015 10:57:30

Das 2014 wiedereröffnete „Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ in Minsk scheint das hierzulande weit verbreitete Bild von Belarus zu bestätigen: Das Land, sein Präsident und die Bevölkerung sind in der Sowjetunion stehengeblieben. Aber der Schein trügt, bei näherer Betrachtung entdeckt man überall Ambivalenzen und Zwischentöne, die fast alle Bereiche von Politik und Gesellschaft in der „letzten Diktatur Europas“ ausmachten. Dies spiegelt auch das Museum eindrücklich wieder: Der alte Partisanenmythos wird geradezu liebevoll geprägt, schwierige Themen wie die Stalinschen Repressionen praktisch ausgespart und die ruhmreiche Sowjetunion enthusiastisch gefeiert. Und doch setzt sich die Entwicklung fort, die schon in der Ausstellung im alten Gebäude begonnen hatte: Der zunehmend differenzierte Einsatz musealer Vermittlungsformen begleitet die, zugegeben sehr zögerlichen inhaltlichen Entwicklungen, und öffnen damit ein Feld kritischer Auseinandersetzung, das zu erweitern sich lohnt. Wie genau das Museum mit dem ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten umgeht, ist Gegenstand meiner Analyse, die kürzlich in Zeitgeschichte-Online erschienen ist. Eine ausführliche Version des Textes findet sich hier.

Foto: http://www.ibb-d.de/trostenez.html
Foto: http://www.ibb-d.de/trostenez.html

Eine Gedenkstätte in Malyj Trostenec

vom 19.08.2015 10:46:46

Einer bisher unendlich erscheinenden Geschichte wird derzeit ein weiteres Kapitel hinzugefügt: Den Plänen für eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslager bei Minsk in Belarus. Am 22. Juni, dem Jahrestag des Überfalls des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion, eröffnete Präsident Lukaschenko einen „Gedenkkomplex“ auf dem historischen Gelände des ehemaligen Lagers.

Zu dem nun öffentlich zugänglichen Teil der Gedenkanlage gehört neben der zentralen Skulptur „Tor der Erinnerung“ des Künstlers Konstantin Kostjučeno die Überformung von Gebäuderesten, die bei den Bauarbeiten entdeckt wurden und möglicherweise Reste des Hauses des Lagerkommandanten sind. Genau kann man das nicht sagen, Informationstafeln gibt es nicht und so hat man denn auch gleich weitere „Reste“ hinzugefügt, um eine Lagerstruktur anzudeuten, von der wir aber nicht wissen können, ob sie denn so war. Originalteile des Lagers haben sich keine erhalten. Außerdem aufgestellt wurden zwei Eisenbahnwaggons aus den 40er Jahren, die aber ebenfalls mit den Transporten nach Trostenec nicht in Verbindung gebracht werden können und auch nicht dort aufgestellt wurden, wo die Transporte ankamen. Was klingt, wie ein fahrlässiger und ärgerlicher Umgang mit der Geschichte, ist in der Tat aber eine kleine Revolution. Seit Jahren schleppen sich die Pläne, am historischen Ort an die Gewalttaten der deutschen Besatzer zu erinnern, dahin. Seit ca. zwei Jahren nimmt das Projekt nun Fahrt auf, die städtische Architektengruppe „MinskProjekt“ unter der Leitung von Anna Aksjonova legte Entwürfe für einen Teil des historischen Geländes vor. Das jetzt angelegte Gelände ist der erste von zwei Teilen, die gemäß diesen Plänen neu gestaltet werden sollen. Dazu gehören das Gelände des Gutes Malyj Trostenec, wo sich auch die Scheune befand, in der im Juni 1944 bis zu 6.500 Menschen erschossen und anschließend verbrannt wurden, und der Ort, an dem sich das Krematorium befand, in Šaškova. Dank der präsidialen Unterstützung des Vorhabens wird bald mit dem zweiten Teil zu rechnen sein. Am 8. Juni 2014 fand die Grundsteinlegung durch Lukašenka statt.

Besonders interessant an dem Projekt ist aber die Diskussion über ein drittes, einige Kilometer von den genannten Orten entfernt liegendes Waldgrundstück, das ebenfalls Teil der Geschichte des Lagers ist, die Blagovščina. Hierbei handelt es sich um den Ort, an dem die aus dem Ghetto hierher verbrachten Juden ermordet wurden. Ihre Gebeine liegen dort noch heute und sind Gegenstand makabrer, illegaler Ausgrabungsaktionen. Da der Holocaust in Belarus jahrelang erst ein Tabu, dann ein rein akademisches Thema blieb und erst allmählich in die gesellschaftliche Diskussion gelangt, wurde auch die Blagovščina aus dem Gedächtnis gestrichen. Bis heute erschwert ein eigens aufgeschütteter Erdwall den Zugang, aber nahe dem Erschießungsgebiet befinden sich ein Gedenkstein und zahlreiche gelbe Zettel der Initiative „IM-MER e.v.“ aus Wien, um an die vielen österreichischen Opfer zu erinnern. Offiziell ist der Ort nach wie vor ungeliebt und lange nicht Teil der Planungen für die Gedenkstätte gewesen.

Dis änderte sich dank der Initiative des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks n Dortmund, das seit Jahren im deutsch-belarussischen Dialog aktiv ist. Zusammen mit dem belarussischen Architekten und damaligem Vorsitzenden Leonid Levin stellten sie einen weiteren Entwurf für ein Denkmal in der Blagovščina vor. Das Engagement Levins, der 2014 verstarb, setzt nun seine Tochter und Architektin Galina Levina fort. Nach langen und kontroversen Diskussionen wurde das Projekt von offizieller Minsker Seite zum Teilprojekt der städtischen Planungen erklärt. Einen Vertrag gibt es bis heute nicht, was aber viel wichtiger ist, es gibt die Zustimmung des Präsidenten für die gemeinsame Planung. Damit ist davon auszugehen, dass das Projekt realisiert werden wird, wenn auch nicht in naher Zukunft. Dazu beigetragen hat sicherlich die Absichtserklärung der deutschen Seite, die Finanzierung dieses zweiten Denkmals zu sichern, was bisher durch Spenden und öffentliche Gelder auf einem guten Weg ist.

Begleitend, aber auch in der Absicht, damit die Grundlage für eine zukünftige Dauerausstellung bzw. Informationstafeln am Ort zu schaffen, hat das IBB zudem die Initiative für eine deutsch-belarussische Wanderausstellung für Schüler in beiden Ländern gestartet. Daran bin ich als Beiratsmitglied beteiligt, das Konzept haben wir dank der Finanzierung durch das Auswärtige Amt bereist in gemeinsamer Arbeit erstellt, es wird derzeit von allen Seiten geprüft. Wenn alles glatt läuft, dann soll die Ausstellung im September 2016 in Belarus und Deutschland eröffnen. Auch die Wanderausstellung wäre zunächst nur ein weiteres Kapitel der langen Geschichte dieses historischen Ortes, aber es gibt doch Hoffnung, dass wir das Ende der Geschichte noch erleben.

Foto: http://www.hlz.hessen.de/start/nachlese/rueck-2015/rueck-8mai.htmlFoto: http://www.hlz.hessen.de/start/nachlese/rueck-2015/rueck-8mai.html

8. oder 9. Mai – Wann und wie gedenkt Europa des Kriegsendes?

vom 19.08.2015 09:02:29

Die Erinnerungskultur verschiedener europäischer Länder sowie Japans war Gegenstand eines Symposiums der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Mainz am 24. April in Frankfurt. Mein Beitrag bestand in einem kurzen Überblick über das Gedenken in Osteuropa. Während Russland nach wie vor am 9. Mai den „Tag des Sieges“ feiert, setzten sich die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken und osteuropäischen Staaten zunehmend davon ab. Bis heute dauern die Diskussionen an, wie sie des Kriegsendes in einem nationalen und europäischen Rahmen gedenken wollen. Die Texte der Tagung sollen demnächst in einem Sammelband publiziert werden. Einen Einblick in das kollektive Gedächtnis in Deutschland für russische Leser konnte ich in der Mai-Ausgabe des russischen Museumsmagazin „Muzej“ publizieren.

8 или 9 мая – Когда и как Европа вспоминает конца войны?

Культура воспоминания в различных европейских странах и в Японии была предметом симпозиума Гессенского земельного центра Политического образования в кооперации с университетом города Майнца в 24 апреля во Франкфурте. Мой взнос существовал в коротком обзоре воспоминания в Восточной Европе. В то время как Россия по-прежнему празднует „день победы“ в 9ого мая, другие бывшие советские республики и восточноевропейские государства меняли праздничную практику. До сегодняшнего дня дискуссии продолжаются, как они хотят помнить конца войны в национальной и европейской рамке. Скоро тексты конференции опубликуются в сборнике. Текст о коллективной памяти в Германии для русских читателей я уже могла публиковать в майском издании русского музейного журнала «Музей».