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Foto: https://www.kommersant.ru/doc/3392330

1917. Revolution. Russland und Europa. Ausstellung im Deutschen Historischen Museum 1917 г. Революция. Россия и Европа. Выставка в Немецком Историческом музее

vom 20.10.2017 12:34:56

Seit dem 18. Oktober zeigt das Deutsche Historische Museum eine Ausstellung zur Russischen Revolution anlässlich ihres 100. Jahrestages, für die ich als Kuratorin tätig war und das Konzept verfasst habe. Die Hälfte der Exponate stammt aus russischen Museen, darunter dem Museum für zeitgenössische Geschichte in Moskau, dem Museum für Poltische Geschichte in Petersbirg, dem Staatlichen Historischen Museum und der Tretjakow-Galerie.

Über die Idee zur Ausstellung, ihre Konzeption und besondere Objekte lesen Sie ein Doppelinterview in russischer Sprache mit Alexej Levykin, dem Direktor des GIM, aus dem auch das Gemälde von Issak Brodski stammt, das wir in der Ausstellung zeigen.

Außerdem ist im Museums-Journal 3/2017 ein Text von meiner Mit-Kuratorin und mir über die Ausstellung erschienen.

С 18 октября Немецкий Исторический музей показывает выставку по Русской революции по поводу ее 100-ой годовщины. Я – куратор выставки и написала концепцию. Половину экспонатов мы получили из российских музеев, в том числе Музея современной истории в Москве, Музея политической история в С-Петербурге, Государственного исторического музея и Третьяковской галереи.

Об идее к выставке, ее концепцией и особенных экспонатах читаете интервью на русском языке вместе с Алексеем Левикином, директором ГИМа, из которого приехал и картину Исаака Бродского, которую мы показываем на выставке.

Schriftzug auf dem Einband des Katalogs, erscheint im Sandstein-Verlag

1917. Revolution. Russland und Europa – Es ist soweit!

vom 04.10.2017 15:48:12

Am Dienstag, den 17. Oktober wird im Deutschen Historischen Museum die Sonderausstellung anlässlich des 100. Jahrestages der Russischen Revolution eröffnet, die mich die letzten zweieinhalb Jahren in Atem gehalten hat. Ich freue mich sehr und bin natürlich gespannt auf Kritik und Anmerkungen. Wie aber auch immer diese ausfallen – ich habe mir einen Herzenswunsch erfüllt: Das Projekt hat so viele Anknüpfungspunkte aus meinem beruflichen, aber auch privatem Lebensweg, dass es so oder so „meine“ Ausstellung ist.

Ich habe mit vielen ehemaligen Kollegen der ersten „Moskau-Berlin-Ausstellung“ von 1995/96 zusammenarbeitet, die meine Leidenschaft für das Museum geweckt hat. Dies spiegelt sich insbesondere in der Auswahl der Kunstexponate aus der Tretjakov-Galerie, aber auch aus der Berlinischen Galerie und dem Ščusev-Museum oder der Tatlin-Turm. Ich habe Exponate „eingeschleust“, die mich in die Zeit meiner Doktorarbeit über die vorrevolutionäre russische Philosophie zurückversetzen, darunter die Exponate zur Orthodoxen Kirche, der Sammelband „Vechi“ oder Alexander Bloks „Zwölf“ (der zudem eine große Rolle bei meinem Studienaufenthalt in Petersburg gespielt hat). An meine Zeit am Badischen Landesmuseum erinnert eine Auswahl des Agitationsporzellans, das mich schon damals in Karlsruhe sehr beeindruckt hat. Aus der Sammlung der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen stammen der Krönungsbecher, zwei Dosen aus der Periode der NEP und ein handschriftlicher Brief von Pjotr Wrangel.

Sehr speziell ist meine Verbindung zu dem Gemälde „Der Pilger“ von Robert Büchtger, hinter dem sich eine Art Familienprojekt verbirgt. Nicht weniger persönlich ist mein Bezug zu dem winzigen Modell des Gebäudes, in dem 1898 in Minsk die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands gegründet worden ist. Nicht weit davon habe ich drei Jahre in der belarussischen Hauptstadt gewohnt. Und mit einigen Fotos von Arkadij Šajchet findet sich sogar eine Reminiszenz an das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst.

Last but not least hat mir die Ausstellung eine weitere Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit vielen Museen in Moskau, Petersburg, Jekaterinburg, Minsk und Kiew gegeben, mit Kolleginnen und Kollegen, die ich zum Teil schon lange kenne oder im Rahmen dieses Projekts als Partner neu hinzugewonnen habe und für deren Vertrauen ich ganz besonders dankbar bin.

In diesem Projekt kommen meine Schwerpunkte – Museum, Geschichte und Russland – in einem besonderen Maße zusammen – ein glücklicher Umstand, der sich hoffentlich in der Zukunft nochmal wiederholt.

Foto: http://screen-ad.ru/vsled-za-tshetshnej-film-matilda-ne-hotjat-pokazyvat-v-dagestane-

Russland, die Revolution und Matilda

vom 24.09.2017 15:46:15

Der Jahrestag der Oktoberrevolution rückt näher und offenbar reißt das in Russland nach wie vor niemanden so recht vom Hocker. Einzig der Film des Regisseurs Alexej Utschitel über die Liebesaffäre des späteren, letzten Zaren Nikolaus II. und der Prima Ballerina Matilda Kschesinskaja Matilda erhitzt (nach wie vor) die Gemüter. Die Premiere wurde bereits mehrmals wegen Kritik von vielen Seiten verschoben, nun soll der Film im Oktober in die Kinos kommen.

Ich bin gespannt auf ein – für die angebliche Skandal-Geschichte freilich nebensächliches – Detail, nämlich die Geschichte der prächtigen Jugendstilvilla, die Kschesinskaja sich während ihrer Beziehung zu dem Thronfolger in Petersburg bauen ließ. Diese musste sie im Sommer 1917 räumen, da die Bolschewiki sich hier ihr Parteibüro einrichteten und Lenin einige seiner berühmten Reden von dem Balkon dieses Gebäudes aus hielt. Doch damit nicht genug: Heute befindet sich dort das Museum für Poltische Geschichte, ein Museum, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite und von dem wir viele Exponate für die Revolutionsausstellung im DHM bekommen. Einem spannenden Kinoabend steht also nichts mehr im Wege.

Buchcover: https://www.scoopnest.com/ru/user/diletant_media/878334673474076672

1917. Revolution – Ortsbegehung Petersburg

vom 14.09.2017 15:44:38

In zwölf Kapiteln kann man lesend oder auch real historische Orte besuchen, an denen sich 1917 die Revolution in Petrograd abgespielt hat. Meine Kollegin Julia Kantor, früher Beraterin von Michail Piotrowski in der Ermitage, jetzt verantwortlich für die Museumsprogramme der Potanin-Stiftung, hat das Buch mit Texten von mehreren Petersburger Autoren zum 100. Jahrestag zusammengestellt und herausgegeben.

1917.Вокруг Зимнего, Мoskau: Политическая энциклопедия (РОССПЭН)  2017.

Screenshot: http://map.letapis.by/ru/#19180324

Geschichtspolitik und neuer Nationalismus im gegenwärtigen Europa

vom 04.09.2017 15:40:24

So lautet der Titel einer zweitägigen Konferenz des ZZF Potsdam und der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Historikerverband am 10./11. Oktober in Berlin. Ich werde dort einen Vortrag über die Erinnerungskultur in Belarus halten. Bei meinen Recherchen bin ich auf einige interessante Texte und eine Website gestoßen.

Die Text stammen von dem belarussischen Historiker Alexej Bratochkin, den ich im März in Minsk kennengelernt hatte. Er ist einer der wenigen, die sich wissenschaftlich mit Themen wie Erinnerung, Gedenken und Identität für Belarus beschäftigen. Er hat mehreres dazu publiziert, u.a. den Text Дебаты об историческом прошлом в Беларуси, erschienen auf den Seiten des European College of Liberal Arts in Belarus, einem unabhängigen Bildungsträger. Als Exkurs sei erwähnt, dass Bratochkin auch eine hervorragende Ausstellung zur Geschichte des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms in Belarus kuratiert hat. Diese war 2016 in der Galerie Ў zu sehen. Ich hatte darüber auf diesem Blog am 3.3.2017 berichtet.

Die erwähnte, mehrsprachige Website „Карта становления Беларуси“ stammt, wenn ich das richtig sehe, von einigen jungen, unabhängigen Bloggern und macht es sich zur Aufgabe, die Staaten- und Nationsbildung von Belarus nachzuvollziehen. Dabei bezieht sie alle historischen Ereignisse in der Region ein, auf die sich die verschiedenen Gruppen in der Debatte um die nationale Identität in je unterschiedlicher Weise und Gewichtung beziehen – angefangen vom Fürstentum Polock über das Großfürstentum Litauen und die Rzeczpospolita bis hin zur BNR, der BSSR und der heutigen Republik Belarus. Wie all das zusammenhängt und wer sich auf was bezieht, schlüsselt Bratochkin in seinen Texten auf und ich werde versuchen, darüber einen Überblick in meinem Vortag im Oktober zu geben.


Revolution und Medizin

vom 24.08.2017 14:35:20

… ist das Thema einer kleinen, aber feinen Sonderausstellung im Kriegsmedizinischen Museum in St. Peterburg, die dort bis November zu sehen sein wird. Im Zentrum steht ein Fotoalbum, das die Absolventen der medizinischen Akademie im Jahre 1917 zeigt. Ausgehend davon verfolgt die Ausstellung die Schicksale dieser Mediziner und was aus Ihnen geworden ist. Während einige dem Großen Terror zum Opfer fielen, spielten andere eine unrühmliche Rolle in der Leningrader Affäre und den Ärzteprozessen.

Ich schätze dieses Museum sehr – zum einen wegen der spektakulären Sammlung, aber auch weil es zu dem Typ des aussterbenden Museums in Russland gehört, in denen Exponate, Präsentation und Bildung auf eine so einzigartige Weise verbunden sind. Jeder Museumexperte würde sofort eine Modernisierung, den Einsatz von Medien und eine zeitgemäße Gestaltung empfehlen. All das fehlt bisher und doch ist es ebenso anregend wie lehrreich, zwischen der Vielzahl an Objekten und endlos langen Texten zu stöbern. In der Reihe vorsichtiger Experimente, die das Museum in den letzten Jahren gemacht hat, sticht diese kleine Revolutionsausstellung einmal mehr heraus.


Robert Büchtger: Der Pilger

vom 14.08.2017 14:33:44

Dieses Gemälde aus einer Berliner Privatsammlung hat mich schon mehrmals in unterschiedlichen Zusammenhängen beschäftigt. Aktuell geht es dabei um unsere Revolutionsausstellung im Deutschen Historischen Museum, die im Oktober eröffnet wird. Es wird dort eines von ganz wenigen verfügbaren Exponaten sein, die von bäuerlichen Lebenswelten in Russland am Ende des 19. Jahrhunderts erzählen können. In Vorbereitung der Ausstellung wird das Bild des deutsch-russischen Künstlers Robert Büchtger nun restauriert. Zu diesem Zweck wurde es vor Kurzem unter fachlicher Betreuung in die Werkstatt einer Restauratorin transportiert, wo es bis Oktober konserviert und in Teilen restauriert werden wird.

Schon jetzt schließt sich für mich damit einer von vielen Kreisen zur Geschichte des Gemäldes, das ich vor einigen Jahren im Werkverzeichnis Büchtgers dokumentiert habe. Verschiedene Aufkleber auf der Rückseite des Bildes – übrigens einem sehr seltenen, klappbaren Keilrahmen aus der Entstehungszeit des Werkes – geben weiteren Aufschluss über die Stationen, an denen das Gemälde gezeigt und vermutlich zum Verkauf angeboten wurde. Diese Aufkleber waren mir bisher aufgrund der Größe und des fragilen Zustandes des „Pilgers“ nicht zugänglich gewesen, wir haben uns schlicht nicht getraut, es von der Wand zu nehmen und die Rückseite zu betrachten. Nun kann ich das Werkverzeichnis vervollständigen, und das Gemälde wird in einen wieder stabilen Zustand gebracht, in dem es die Strapazen der Transporte überstehen und hoffentlich vielen Ausstellungsbesuchern vom vorrevolutionären Russland erzählen wird.


1917. Die große Rußländische Revolution

vom 03.08.2017 14:31:18

So würde unsere Ausstellung vermutlich in Russland heißen und daher hat die russische Fachzeitschrift „Muzej“ meinen Text über die beiden Ausstellungen in Zürich und Berlin vermutlich auch so überschrieben. Tatsächlich wird sie „1917. Russland und Europa“ heißen. In Zürich lautete der Titel „1917. Revolution und die Schweiz“ und der gemeinsame Essayband für beide Projekte trägt den Titel „1917. Russland und die Folgen“.  Gemeint ist natürlich in jedem Fall die Große Rußländische Revolution…


Lenin in Berlin

vom 24.07.2017 14:30:43

Genau wie vor 100 Jahren machte sich Vladimir Lenin kürzlich auf den Weg aus Zürich, um die Revolution voranzubringen. Im April 1917 reiste er über Berlin weiter nach Petrograd, wie St. Petersburg seit Ausbruch des Ersten Weltkrieges hieß. Zum 100. Jahrestag der Revolution endete seine Reise in Berlin im Deutschen Historischen Museum. Von dort war er auch nach Zürich aufgebrochen, um dort in der Ausstellung „1917. Revolution. Russland und die Schweiz“ gezeigt zu werden. Nun kehrte er zurück und steht – weithin sichtbar – im Foyer des Pei-Baus, um schon jetzt für die kommende Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ zu werben. Anschließend wird er wieder seinen Platz im Eingangsbereich des Zeughauses einnehmen.

Die Rede ist übrigens von der 3,23 m hohen Lenin-Skulptur des sowjetischen Künstlers Matwej G. Maniser (1891-1966) aus dem Jahre 1924. Und ganz unabhängig von der historischen Person hat diese Skulptur schon allein eine unglaublich interessante Geschichte. Diese ist jetzt im Foyer und ab dem 18. Oktober in unserer Ausstellung im Pei-Bau nachzulesen.


Revolution reloaded: Wie russische Museen mit dem Jahrestag umgehen

vom 14.07.2017 06:23:01

Die erste Sonderausstellung zum Jahrestag in Moskau war die am 21. März im Museum für Zeitgenössische Geschichte eröffnete Schau „1917 – Der Code der Revolution„. Sie ist bis November zu sehen und bezeichnet sich selbst als „Multimediales Bildungsprojekt ‚ 100 Jahre Große Rußländische Revolution: Gedenken im Namen der Solidarität‘“.

Die Ausstellung, die teilweise in die neue, derzeit im Umbau befindliche Dauerausstellung einfließen wird, stellt eine deutliche Verbesserung zu der alten Darstellung der Epoche dar und spiegelt zudem die einmalige Sammlung des Museums. Dennoch bleibt die Ausstellung hinter ihren eigenen konzeptionellen Ansprüchen einer Präsentation verschiedener Standpunkte und Meinungen sowie „der Analyse historischer Prozesse durch das Prisma ihrer subjektiven Wahrnehmung der Menschen“ zurück. Insbesondere die Überfülle an Material, die die Textkonzeption, eine mangelnde Besucherführung sowie der Versuch, wissenschaftlich aufbereitete Information durch ein Überangebot an Medien zu kompensieren, bestätigen den Eindruck, dass das Museum einen museal modernen, konzeptionell aber bewusst unspezifischen Beitrag zum 100. Jahrestag leisten wollte.

Ein anderes Bild zeigt das Museum für Politische Geschichte in Petersburg. Hier ist bereits seit 2015 die neue Dauerausstellung „Die Revolution in Russland 1917 bis 1922“ zu sehen. Sie bietet eine differenzierte Darstellung unterschiedlicher Standpunkte und löst damit ihr konzeptionelles Ziel, dem Besucher Material und Informationen an die Hand zu geben, um sich eine eigene Meinung bilden zu können, ein. Stärker als in Moskau wird die Epoche der Revolution nicht nur dokumentiert, sondern problematisiert, ergänzt durch eine klare Haltung der Kuratoren zugunsten einer offenen Diskussion.

Eine detaillierte Analyse beider Ausstellungen ist Gegenstand eines Aufsatzes, der in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift OSTEUROPA erscheinen wird. Es sind zwei Beispiele aus einer Vielzahl von musealen Programmen zum 100. Jahrestag der Revolution, von denen besonders diejenigen der sogenannten Provinzmuseen, darunter Jekaterinburg und Krasnojarsk, hervorzuheben sind. Mit ihren sehr verschiedenen konzeptionellen Zugängen und Formen musealer Gestaltung sind die Projekte in Moskau und Petersburg jedoch geeignet, das breite Spektrum der Interpretationen innerhalb der Museumslandschaft Russlands angesichts geschichtspolitischer Unsicherheit im Umgang mit diesem Gedenkjahr zu verdeutlichen.