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Foto: http://www.kommersant.ru/doc/3187062
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Geheime Akten zur Russischen Revolution

vom 13.02.2017 09:49:44

Gestern auf dem Pressefrühstück im Deutschen Historischen Museum tauchte die Frage auf, ob wir bei unserer Ausstellung denn auch die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigen, die in den letzten 20 Jahren nicht zuletzt auf der Grundlage von Quellen und Dokumenten aus den russischen Archiven entstanden sind. Abgesehen davon, dass sich wissenschaftliche Forschungen für die Bescher in einer Ausstellung nur schwer abbilden lassen, sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Wir versuchen, mit der Lektüre der neusten Literatur à jour zu bleiben, lassen uns von einem Gremium wahrer Revolutionsexperten im Fachbeirat beraten und haben Historikerinnen und Historiker gebeten, die aktuellen Perspektiven auf die Russische Revolution im Essayband dazulegen.

Wie schwierig es aber weiterhin ist, mit den entsprechenden Akten in den russischen Archiven zu arbeiten, legt ein interessanter Artikel –nach einem Selbstversuch der Recherche – im russischen „Kommersant“ dar (16.1.2017). Demnach sind zahlreiche Akten noch immer gesperrt bzw. nicht zugänglich. Dazu gehören offenbar persönliche Materialsammlungen, etwa von Lenin oder Krupskaja, ebenso wie Briefe oder die Akten zur Konfiskation kirchlicher und anderer Kulturgüter nach der Revolution. Der Autor stellt zurecht die Frage, wie man sich zum 100. Jahrestag ein vollständiges Bild von den Ereignissen machen soll, wenn ausgerechnet die Akten der Revolutionsführer noch immer nicht zugänglich seien?  Er schließt mit den philosophischen Worten: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Das größte Geheimnis der Revolution bleibt auch weiterhin die Revolution selbst.“ Das allerdings verschafft weiteren Generationen von Historikern ein Auskommen und ist doch außerdem ganz nach russischem (Verschwörungs-)Geschmack…

Foto: http://www.dekoder.org/de/article/historische-presseschau-oktober-1917
Foto: http://www.dekoder.org/de/article/historische-presseschau-oktober-1917

Presseschau zur Oktoberrevolution

vom 03.02.2017 11:16:53

Angesichts der Vielfalt an Meinungen und Kommentaren zum 10. Jahrestag der Russischen Revolution lohnt der Blick in die zeitgenössische Presse. Wie reagierten die Zeitungen auf den Oktoberumsturz am 25. Oktober (7. November) 1917? Bereits mit dem Dekret über die Presse vom 28.10., also zwei Tage nach der Machtübernahme, schränkten die Bolschewiki die Pressefreiheit ein, viele Organe fielen dieser Zensur zum Opfer. Am 26.10. (08.11.) konnten die meisten Zeitungen noch erschienen. Eine Auswahl aus Artikeln hat Leonid A. Klimov vom Portal DEKÓDER zusammengestellt und dokumentiert. Die Zitate sind auf deutsch und im russischen Original nachzulesen und bieten einen Einblick in das letztmalig noch breite Spektrum der Meinungsfreiheit.

Foto: http://www.sovrhistory.ru/exposure/5554e54bb77e8cd5016cadf5
Foto: http://www.sovrhistory.ru/exposure/5554e54bb77e8cd5016cadf5

Das Erbe der Revolution in Archiven, Bibliotheken, Museen und Medien

vom 25.01.2017 11:15:41

Zu diesem Thema veranstaltet das Museum für zeitgenössische Geschichte vom 24.-28. April eine Konferenz in Moskau, zu deren Programmkommission zu gehören ich die Ehre und die Freude habe. In diesem Engagement sehe ich die Chance, einen Überblick über die Vielfalt von Veranstaltungen, Ausstellungen und Forschungen zur Revolution zu bekommen, die es in diesem Jahr in Russland schon gibt und weiter geben wird. Zumal, wie ich finde, sich das Thema der Konferenz von der Vielzahl weiterer durch den Blick auf die materiellen „Hinterlassenschaften“ der Ereignisse vor 100 abhebt. Und schließlich nutze ich die Gelegenheit, die Ausstellungen im Schweizerischen Nationalmuseum und im Deutschen Historischen Museum vorzustellen.

Abbildung: http://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/perspektiven/archiv/20170119_2204.html
Abbildung: http://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/perspektiven/archiv/20170119_2204.html

Utopia und Terror. Die zerstörten Hoffnungen der Oktoberrevolution

vom 18.01.2017 05:53:41

… so lautet der Titel eines Features des Kulturjournalisten Jürgen Buch, mit dem ich kürzlich über die Revolution in Russland, unsere Ausstellung im Deutschen Historischen Museum und das aktuelle Gedenken zum 100. Jahrestag sprach.

Am Donnerstag, den 19. Januar wird die Sendung zwischen 22.04 Uhr bis 23.00 Uhr im Kulturradio vom rbb in der Reihe Perspektiven gesendet und anschließend in der Mediathek abrufbar sein.

Foto: http://kommersant.ru/doc/3131019
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http://kommersant.ru/doc/3131019

Schnelldurchlauf durch die russische Geschichte in der offiziellen Lesart

vom 16.01.2017 11:13:28

Geschichte ist ein heikles Thema ist Russland, das gilt derzeit besonders für den 100. Jahrestag der Russischen Revolution 1917. Aus diesem aktuellem Anlass hat die russische Internetzeitung Meduza ein „Nachschlagewerk“ zu den wichtigsten Ereignisse und Jahrestagen mit der jeweils „richtigen“ Interpretation veröffentlicht. Mit Blick auf die Revolution dürfen wir demnach niemals vergessen, dass politischer Extremismus schwerwiegende Folgen für das ganze Land haben kann. Wir lernen aber auch, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion [deren Gründung ein Folge der Revolution war, Anm. Kj] die größte geopolitische Katastrophe war.

Die Brisanz der Problematik erkennt auch der Sicherheitsrat: Er diskutierte jüngst die sechs historischen Themen, die stark von einer „Falsifizierung“ bedroht seien und des Schutzes bedürfen. Dazu zählen neben der Revolution von 1917 „die Nationalitätenpolitik des Russischen Reichs und UdSSR, die Rolle der UdSSR beim Sieg über den Faschismus, den Molotow-Ribbentrop-Pakt und die politischen Krisen in der DDR, der Tschechoslowakei und anderen ehemaligen sozialistischen Ländern“.

Es ist daher nur logisch, wenn im Zusammenhang mit dem Jahrestag überlegt wird, die 2012 abgeschaffte „Kommission zur Verhinderung der Versuche der Verfälschung der Geschichte“ wieder einzusetzen.

In dieser prekären Lage ruhen alle Augen und Hoffnungen auf der im Dezember einberufenen Kommission zur Vorbereitung des 100. Jahrestages der „Großen Rußländischen Revolution“. In diesem Tagen erwarten wir ihre Vorschläge für das offizielle Gedenken an die Ereignisse von vor 100 Jahren.

Foto: APA/AFP/Olga Maltseva, gesehen auf:  http://www.krone.at/wissen/zarenbild-auf-rueckseite-von-lenin-gemaelde-entdeckt-bei-restaurierung-story-539908
Foto: APA/AFP/Olga Maltseva, gesehen auf:
http://www.krone.at/wissen/zarenbild-auf-rueckseite-von-lenin-gemaelde-entdeckt-bei-restaurierung-story-539908

Der Zar und Lenin: Exponate sagen mehr als 1000 Worte

vom 06.01.2017 15:29:33

Gleichsam ein Geschenk für Kuratoren wurde kürzlich in der Staatlichen künstlerisch-industriellen Stieglitz-Akademie für Kunst und Industrie in St. Peterburg entdeckt: Ein Portrait des Zaren Nikolaus II. des Künstlers Ilja Galkin aus dem Jahre 1896. Es wurde, mehrfach übermalt, auf der Rückseite einer späteren Darstellung von Lenin des Künstlers Wladislaw Ismailowitsch aus dem Jahr 1924 gefunden. Beide Portraits hingen nacheinander an derselben Stelle in dem früher als Handelsschule genutzten Gebäude einer Grundschule. Spuren von Bajonettstichen stammen vermutlich aus den Tagen der Revolution. Anschaulicher kann man die Geschichte der Revolution in Russland kaum erzählen!

Foto: https://www.nationalmuseum.ch/d/ausstellungen.php?aus_id=12582&show_detail=true
Foto: https://www.nationalmuseum.ch/d/ausstellungen.php?aus_id=12582&show_detail=true

1917. Revolution. Russland und die Schweiz

vom 28.12.2016 15:27:37

Allmählich wird es ernst und meine Arbeit der letzten zwei Jahre kommt ans Licht der Öffentlichkeit. Am 24. Februar 2017 eröffnet die Ausstellung im Schweizerischen Nationalmuseum. Zu diesem Zeitpunkt wird neben dem Ausstellungskatalog auch der, im Rahmen der Kooperation, gemeinsam mit dem DHM herausgegebene Essayband erscheinen. Er trägt den Titel „1917. Revolution. Russland und die Folgen“. Im Oktober folgt dann die Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ in Berlin.

 Weitere Informationen, allerdings bisher leider nur sehr spärlich, gibt es hier zu der Schweizer Ausstellung und hier zur Berliner Ausstellung.

Minsk-Forum 11-2016

Minsk-Forum 2016

vom 19.12.2016 15:25:21

Nach sechs Jahren Pause fand Ende November erstmal wieder das von der Deutsch-belarussischen Gesellschaft ins Leben gerufen und organsierte Minsk-Forum statt. Vertreter aus Politik und Wirtschaft, viel zu wenig aus Kultur und Gesellschaft, tauschen sich über den aktuellen Stand der bilateralen und belarussisch-europäischen Beziehungen aus.

Nach den Wahlen 2010 hatte das Forum beschlossen, die Veranstaltung auszusetzen bzw. einmal ins benachbarte Litauen zu verlegen. Ob es die richtige Entscheidung ist, gerade in Krisenzeiten den Dialog abzubrechen, ist eine viel diskutierte Frage mit Blick auch auf andere Krisenherde der Welt. Im Falle des Minsk-Forums liegt sie in der fast ausschließlichen Konzentration auf Politik und Wirtschaft begründet. Gäbe es einen stärkeren Fokus auf Kultur und Zivilgesellschaft, wäre sie vielleicht anders ausgefallen.

Angesichts des Schwerpunkts auf politischen Fragen wirkten das am zweiten Abend angebotene Konzert von Ljawon Wolski sowie einer Führung nach Maly Trostenec mit anschließender Diskussion in der Geschichtswerkstatt nach Abschluss des offiziellen Programms wie Anhängsel aus schlechtem Gewissen. Ich selbst hatte das Vergnügen, zusammen mit Aliaksandr Dalhouski die Exkursion nach Trostenec durchzuführen und habe mich über die vielen interessierte Zuhörer, die trotz widriger Wetterbedingungen tapfer durchgehalten haben, sehr gefreut!

Fotos sind hier, TV-Aufnahmen hier und eine Analyse hier zu sehen/lesen.

Screenshot https://project1917.ru
Screenshot
https://project1917.ru

Aktuelles zur Interpretation der Revolution

vom 10.12.2016 16:28:21

Über die Leitlinien zur Interpretation der „Großen Rußländischen Revolution“ durch den Kulturminister Vladimir Medinskij wurde hier schon berichtet. In der Zwischenzeit hat sich nun auch Vladimir Putin zu Wort gemeldet, wobei insbesondere seine Äußerung, die Revolution sei eigentlich gar nicht nötig gewesen, zu heftigen Diskussionen führte. Vom Sicherheitsrat war dieser Tage zu hören, dass man in der Präsidialverwaltung der Ansicht sei, jedes „Bemühen der Bedeutungsfüllung des Jahrestages der Revolution in Russland [sei] ausschließlich das Prärogativ der wissenschaftlichen Gesellschaft“. Sicherheitshalber aber war man hier zugleich der Meinung, angesichts dieses problematischen Jahrestages solle man besser die Falsifizierungskommission wieder zum Leben erwecken.

Wie kompliziert der Umgang mit dem Jahrestag ist, weil dieser so gar nicht in das nationale Narrativ des imperialen Russland passen will, legt der Journalist Fedor Krascheninnikov dar und Michail Zygar eröffnet ein Portal unter dem Motto „1917. Freie Geschichte“. Derweil streiten die Gemüter über den Spielfilm „Mathilda“, der Ende März 2017 in die Kinos kommen soll. Die darin verarbeitete Liebesaffäre des Zaren Nikolaus II. mit der Ballerina Mathilda Kschesinskaja eint wieder einmal Kirche und Politik in ihrer Kritik.

Die breite Gesellschaft ist, fast möchte man sagen, wie eh und je, in Rote und Weiße gespalten, wie meine persönlichen Begegnungen nahelegen. Der Aufruf Medinskijs zur nationalen Einheit scheint jedenfalls bisher ungehört zu bleiben. Es bleibt spannend!

Ausstellung in Hamburg Foto: IBB Dortmund - Robin Hinsch https://youtu.be/8j__zMmm0O8
Ausstellung in Hamburg
Foto: IBB Dortmund – Robin Hinsch
https://youtu.be/8j__zMmm0O8

Wanderausstellung zu Maly Trostenez in Hamburg eröffnet

vom 03.12.2016 16:25:32

Am 8. November 2016 – dem 75. Jahrestag der Deportationen aus Hamburg nach Minsk – wurde nach mehr als zwei Jahren Vorbereitungszeit die Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ in der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg der IBB Minsk in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet. Sie wird an diesem von mehreren weiteren Ausstellungsorten in Deutschland bis zum 7. Dezember zu sehen sein. Die Eröffnung in Belarus ist für März 2017 geplant. Die Ausstellung wird von einem deutsch-belarussischen Katalog begleitet.

Während meiner Beteiligung an dem Projekt, als Beiratsmitglied und durch Beiträge zur Erarbeitung der Ausstellung, gab es viele Momente, in denen Zweifel durchaus angebracht waren, ob es jemals zur Realisierung kommen würde. Wir mussten viele Kompromisse machen, sicher auf beiden Seiten, und aus wissenschaftlicher Perspektive muss man großzügig über einige Angaben und Exponate hinwegsehen. Dies fällt leichter, wenn man sich den Mehrwert für die deutsch-belarussische Verständigung bei diesem schwierigen Thema vor Augen führt, und die Basis, die wir mit dieser Ausstellung für einen zukünftigen Informationsort am historischen Ort auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationlagers schaffen wollten. Mit diesem Ziel vor Augen freue ich mich auf die Fortsetzung des Projektes gemeinsam mit den deutschen, belarussischen und tschechischen Kollegen.

Fotos der Ausstellung gibt es hier, einen belarussischen Beitrag hier.